Aber die Schwalben

Botho Strauß: O Gott, die Schwalben kommen wieder!

DIE ZEIT: Ja, und?

Strauß: Sie nisten unterm Dach. Abgesehen davon, daß sie die weiße Wand bekleckern, es macht mich nervös. Es ist ein unglaubliches Geflattere und Gemache, Sie können sich das nicht vorstellen. Ich habe Netze gespannt. Ich konnte es nicht mehr aushalten. Ich dachte, was für ein Idiot bist du, du gehst aufs Land, in die Stille, und die eigentlichen Bewohner dieser Gegend kannst du nicht ertragen.

[…]

ZEIT: Sie haben ein besonderes Verständnis von Literatur.

Strauß: Ich versuche hin und wieder, verdeckte Quellen zu öffnen, die nicht den allgemeinen Literatur-Mustern entsprechen. Ich möchte beglaubigen, daß man aus vielen Stimmen heraus lebt. Das ist eine Frage der persönlichen Vorlieben und der Resonanz. Nur weniges von den vielen Sachen, die ich lese, schlägt eine persönliche Saite an.

ZEIT: Aber Sie sind keiner, der seltene Briefmarken sammelt. Sie wollen und Sie haben Wirkung. Stellen Sie sich vor, die zehntausend Leser, die Das Partikular gekauft haben, würden sich da unten auf der Wiese versammeln, bis hin zum Wald – eine ganze Menge.

Strauß: So viel wie ein schlecht gefülltes Fußballstadion. Nein, das ist sehr wenig, sagt aber über die endgültige Wirkungsweise nichts. Ich bin kein Event. Deswegen auch mein Zweifel, ob ich Wirkung suche, denn das müßte ich anders anstellen. Ich teile nur auf den verschlungenen Pfaden, auf denen ich selber am liebsten unterwegs bin, etwas mit. Wen es angeht, der wird schon darauf aufmerksam werden. Es ist für mich unabänderlich, und das könnte man religiös nennen, eine Buchstabenfrömmigkeit, daß alles, was von mir existiert, nur durch das Buch existiert. Ich akzeptiere nichts außerhalb der Schrift. Ich meine sogar, die Literatur besteht nur für Literaten, für literarisch tingierte Menschen. Mein Leser ist mir zum Verwechseln ähnlich. Er ist nicht die Frau des Vorstandsvorsitzenden. Er gehört nicht zur Elite. Es wird jemand sein, der völlig spiegelbildlich dem Autor entspricht. Einsamkeit plus Einsamkeit.


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