Geständnis einer Leiche

(Das Einlernen der tausend und mehr Regeln lähmt eines Tages den wachen Verstand, es erwürgt den schöpferischen Geist. Man kapituliert.) Einst hätte aus mir ein Dichter werden können, doch dann verlernte ich meine Sprache. Ich kenne mich aus in Dichtungstheorie und Literaturgeschichte, aber ich bin ein vertrockneter Brunnen. Wenn ich etwas sage, kommen abgesicherte Allgemeinplätze heraus. Hin und wieder, wenn die Gelegenheit günstig ist und sich jemand dafür interessiert, wagt sich nutzloses Spezialwissen aus mir. Das macht seltsame Geräusche. Ich bin ein akademisches Wiedergabeprogramm, ich bin ein Assistent im vorletzten Hinterhof des Wissens. Die Bestände sind üppig, doch nichts stammt von mir selbst. Durch einen wie mich erhält sich der Betrieb, ihm spende ich mein täglich Blut. Vielleicht widmet mir die Akademie eine Todesanzeige. Seit neuestem denke ich über das Schicksal nach. Ich empfinde mich satirisch. Mein Name ist Jochen Meyer, als Jugendlicher wollte ich Dichter werden. Dazu hat es nicht gereicht. Es fehlte wohl der Mut. Man muß nämlich wild entschlossen sein, auf ganzer Linie zu scheitern. Aber das bekommt kaum jemand hin. Es gibt ja auch keine Dichter mehr.


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