Die egoistische Angst

Seit einigen Wochen denke ich über die Angst nach, anders als früher. Ich sehe die Angst nicht mehr als arme und bemitleidenswerte Schwester, sondern als herrschsüchtige Bestimmerin. Am deutlichsten tritt sie auf, wenn sie verlangt.

Wenn die Mutter verlangt, daß eines ihrer Kinder die Fahrt in die Ferne absagt. Denn eine solche Reise sei schließlich gefährlich, und sie, die Mutter, müsse sich unnötig ängstigen um das Kind. Die Moral: tue du nicht, was mich ängstigt.

Wenn der Vater sagt: Lerne endlich schwimmen, damit ich nicht länger denken muß, du lerntest nie schwimmen. Wir haben alle schwimmen gelernt, wir Mitglieder der Familie Schulz. Nun schwimm endlich, du Schulz.

Die Angst denkt erstrangig an sich und zweitens an diejenigen, um die es ihr zu tun ist. Angst ist heimisch in solcher Camouflage, sie versteht sich selbst als Liebe, Sorge und Aufopferung. Sie ist ein falsches Biest, das nichts von sich weiß.

Angst ist ein Opfer, das sich in Täterposition begibt. Angst ist handelnde Allmacht, die sich als Ohnmacht mißversteht. Angst ist ein Monster, das sich gefüllt hat mit falscher Moral. Angst hat Angst vor Schmerz, doch es ist nur der eigene. Angst wird nicht edel.

Angst redet stets über andere, niemals/ständig über sich selbst … Meine Tochter, mein Sohn, mein Mann, meine Frau, mein Job, meine Karriere, mein Land, meine Ideen, meine Hoffnungen, meine Befürchtungen, mein Garten, meine Hormone, meine Gesundheit (in hundert Meter Entfernung macht sich einer eine Zigarette an), meine Sicherheit.

Angst ist erfinderisch, Angst ist grausam. Sie quält uns zu Tode, um zu erreichen, daß wir eine Mauer bauen um sie herum. Wir bekommen dafür (exklusiv) einen Schlüssel für das einzige Tor in dieser Mauer, damit sie nicht einsam sein muß. Angst ist ein Tyrann. Soll er seine Mauer bekommen, der Schlüssel läßt sich verlieren.


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