Mit Erzählungen und Gedichten trete ich in innere Bilder ein – jene Bilder und Vorstellungen, die ich als Leser bereitstellen kann für Wortfolgen und Sätze, die der Autor gestellt hat. – Daher wohl auch der Begriff und die Berufsbezeichnung ‚Schriftsteller‘ für einen, der berufsmäßig Schriften erstellt, in eigenem Namen und nach Maßgabe des eigenen Vermögens und Geschmacks, 1723 erstmalig bezeugt.
Gehe ich ins Kino, lese Comics oder sehe fern, werden mir diese Bilder vollständig geliefert. Mein eigener Bildvorrat wird nicht benötigt, nur mehr erweitert und ergänzt um das, was ich aktuell aufnehme. Die Evokation ist eine andere als die der Buchstaben und Wörter. Ich werde mobilisiert. Der Film reißt mich in seine wechselnden und fließenden Bilder – die Wort-Erzählung läßt mich sie bilden und bauen. Ich bin stärker beteiligt und werde tiefer hineingezogen in das Werk, zu dessen Gelingen ich als Leser beitrage.
Auch der Film möchte etwas von mir, doch es ist etwas sehr anderes: mein Mitmachen besteht in erster Linie darin, die Szenerie nicht zu verlassen und unausgesetzt zu schauen, zuzuschauen was passiert, als passiere es jetzt und nur dieses eine Mal. Das ist die Ästhetik des Augenzeugen, vordergründig spektakulär.
Lesen macht deutlich mehr Arbeit, ist anstrengender, fordert nicht nur ein Entgegenkommen, sondern ein Mitgestalten und Geben. Deshalb auch sind Leser sehr eigene Menschen. Sie gehören zum Werk eines Autors und sind deshalb sein ganzer Stolz. Ohne sie gäbe es kaum das Werk, obwohl das nicht wirklich richtig klingt. Hm … Aber was geschieht beim Betrachten eines Gemäldes?
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.