Die Gebete

„Jedes Gebet ist ein Flehen, und man bittet um nichts, wenn Klarheit herrscht und das Herz unbeschwert ist. Instinktiv kommt einem in schwierigen Zeiten etwas wie ein Gebet über die Lippen, um das Unglück, den Schmerz abzuwenden oder einen Vorteil zu gewinnen. Man hat die Hoffnung, daß irgendein irdischer Gott oder die Götter im Geist eine befriedigende Antwort geben, und manchmal wird durch Zufall oder durch ein seltsames Zusammentreffen von Ereignissen ein Gebet erhört. Dann hat Gott geantwortet, und der Glaube ist gerechtfertigt. Die Götter der Menschen, die einzig wahren Götter, sind da, um zu trösten, zu schützen und all die unbedeutenden und erhabenen Forderungen des Menschen zu erfüllen. Es gibt eine Menge solcher Götter, jede Kirche, jeder Tempel, jede Moschee hat sie. Die irdischen Götter sind sogar viel mächtiger und erreichbarer; jeder Staat hat sie. Aber der Mensch leidet immer weiter, trotz Gebet und Flehen in jeder Form. Mit dem Ansturm des Verstehens allein kann der Kummer enden, doch das andere ist einfacher, gesellschaftsfähig und weniger anstrengend. Und der Kummer nagt an Gehirn und Körper, macht sie stumpf, unsensibel und müde. Verstehen erfordert Selbsterkenntnis, die keine momentane Angelegenheit ist; das Lernen über das eigene Selbst ist endlos, und seine Schönheit und Größe ist, daß es endlos ist. Doch Selbsterkenntnis geschieht von Augenblick zu Augenblick; diese Selbstkenntnis geschieht nur in aktiver Gegenwart; sie hat keine Kontinuität in Form von Wissen. Was aber Kontinuität ist, ist die Gewohnheit, der mechanische Prozeß des Denkens. Verstehen hat keine Kontinuität.“

Jiddu Krishnamurti, Das Notizbuch, 27. Oktober 1961


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