Achtzehnter Tag

Drei Stunden auf dem Busbahnhof bei 30 °C im Schatten, die Tugend des Wartens erprobt. Neben mir auf der Bank saßen zwei Serben, die drei Autoreifen mit sich nach Prijepolje führten. Es war zu warm, um sich über den vierten Reifen Gedanken zu machen. Dann nahm ein Paar neben mir platz, ihre kleine Tochter lief umher und hüpfte vor Vergnügen. Nach einer Weile stand sie neben mir und streichelte mein linkes Bein. Was machst du denn da? lachte die Mutter und entschuldigte sich. Ich sagte, das sei kein Problem, und lachte auch und war gerührt. Schon war die Kleine wieder fort und sprang auf einem Bein die geriffelten Gehwegplatten entlang. Busse kamen, hielten, fuhren wieder. Ich kaufte am Kiosk einen Kaffee, kehrte zurück zu meiner Bank und beobachtete die Tauben. Ein Täuberich versuchte es erst bei der einen, dann bei einer zweiten Täubin, vergeblich. Schließlich flog er fort. Seine Flügel klatschten fettig und energisch. Der rechte Fuß der einen Taube war verkrüppelt, dennoch lief sie leicht und wippend. Ein hoch aufgeschossenes Mädchen mit langen Beinen und rot gefärbtem Haar rauchte eine Zigarette nach der anderen, stand von Zeit zu Zeit auf und umkreiste den Wartesteig, zog sich die schwarze Jacke aus, dann wieder an. Ich dachte mir einen Film, in dem sie die Hauptrolle spielt. Sie ist von zuhause fort und nimmt den Bus nach Süden, wo niemand wohnt, den sie kennt. Bald kommen ihre Eltern von der Arbeit nach Hause und werden sie suchen, deshalb ist sie nervös. Wann kommt denn endlich dieser verdammte Bus?


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Achtzehnter Tag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert