Der Ort, die Zeit

„Menschliches Leben begann in Furcht und Schrecken. Religion entwickelte sich aus Sühneritualen, aus Beschwörungen zur Besänftigung der strafenden Elemente. Bis zum heutigen Tag gibt es in Regionen, die von Hitze ausgetrocknet oder in Eis erstarrt sind, nur wenig menschliche Siedlungen. Der zivilisierte Mensch verheimlicht sich gern, wie sehr er der Natur ausgeliefert ist. Die Macht der Kultur, der Trost der Religion: darauf konzentriert er sich, daran glaubt der Mensch. Aber ein Schulterzucken der Natur, und alles liegt in Trümmern. Brände, Überschwemmungen, Gewitter, Unwetter, Wirbelstürme, Vulkanausbrüche, Erdbeben – all das droht jederzeit und überall. Katastrophen treffen unterschiedslos Gute wie Böse. Der zivilisierte Mensch bedarf der Illusionen. Der Glaube, daß Natur und Gott im Grunde gut sind, ist einer der wirkungsvollsten Mechanismen, über die der Mensch zum Überleben verfügt. Ohne diesen Glauben fiele die Kultur wieder in Angst und Schrecken zurück.“

Camille Paglia, Die Masken der Sexualität


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