Nachmittag mit Talkshow und Hauptgast

Seltsam zugebrachter Nachmittag, Talkshowaufzeichnungen der vergangenen Monate, Diskussionen vor laufender Kamera: Spitzenpolitiker, Fachleute (Experten), Prominente, Aktivisten. Thema: Zuwanderung und Kriminalität. Zahlen lügen nicht, heißt es. Aber welche Zahlen, wessen Zahlen und aus welchem Zusammenhang?

Die Gäste sprechen zu den ‚Millionen an den Bildschirmgeräten‘, nicht miteinander; im Gegensatz zu ihren Gästen dürfen die Moderatoren direkt in die Kamera schauen; ansonsten sind sie bemüht, das komplexe Thema in Themenkomplexe zu gliedern und diese der Reihenfolge nach abzuarbeiten zu lassen. Aber die Gäste schießen quer und stören den ausgedachten Spielablauf, da gibt es viel zu tun, zur Ordnung zu rufen, Foulspieler abzumahnen, das Wort zu entziehen, an Sitte und Anstand zu appellieren.

Auch AfD-Politiker dürfen mitmachen. Mit den Rechten reden? Man wird es müssen, man tut es. In wenigen Jahren gehören sie zum Zirkus dazu. Bereits jetzt sind sie unverzichtbarer Teil der Angstgemeinschaft Deutschland. Die Ängste sind unterschiedlich, doch sie hängen miteinander zusammen: Angst vor Ausländern, Angst vor Rechten, Angst vor Kriminalität, Angst vor Polizeistaat, Angst vor Gesetzlosigkeit, Angst vor fremden jungen Männern, Angst vor bekannten alten Männern, Angst vor dem Volk, Angst vor den Einheimischen, Angst vor den Anderen, vor allem Angst vor Gewalt.

Alle sind einer Meinung: Deutschland soll ein friedliches und friedliebendes Land mit klaren Regeln und guten Menschen sein. Wer diesen guten Frieden, der ein Frieden der Guten ist, stört, soll ausgegrenzt oder hinausgeworfen werden: entweder die volksverhetzenden Rechten oder die kriminell gewordenen Ausländer, wohin auch immer.

Die Angstgemeinschaft erträgt nicht allzu viele Spannungen und Konflikte. Es gibt eine große Sehnsucht nach Zusammenhalt und gegenseitiger Bestätigung. Unser Land soll Wertegemeinschaft sein, das fordern sie beidseits des politischen Grabens, der eine politische Rechte von einer politischen Linken trennt und schräg und gezackt durch die politische Mitte verläuft.

Die verfeindeten Lager brauchen einander, sie geben sich gegenseitig Orientierung und Legitimation: Solange es Rechte gibt, kann auf eine starke Linke nicht verzichtet werden. Wenn die Linken und Linksliberalen die politischen Leitlinien der deutschen Einwanderungspolitik bestimmen (bis hinein in das konservative Lager), braucht es eine starke Rechte.

Sie zeigen aufeinander und beschuldigen sich. Ganz wie damals: Unterdorf gegen Oberdorf, Mädchen gegen Jungen, Schüler gegen Lehrer, Dörfler gegen Städter. Menschen lieben das, sie teilen das Ganze, es ist ihnen viel zu groß. Sie streiten gern und bilden Gruppen. Allein und einzeln sind sie verloren, deshalb schließen sie sich an. Die Themen? Nun ja, Themen gibt es, auch Probleme. Selbst ohne Probleme gibt es Probleme.

Seltsam zugebrachter Nachmittag. Im Supermarkt freute sich der Kassierer über die Ordnung meiner Produkte auf dem Band und bedankte sich fürs Mitdenken. Den Kassenbon nannte er Teilnahmeschein. Auf den kommt es an, in jedem Spiel.


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