„Ihre intellektuelle Begabung, Frau Arendt, so früh erprobt – sind Sie von ihr als Schülerin und junge Studentin, auf eine vielleicht schmerzliche Weise, gelegentlich vom Normalverhalten ihrer Umgebung getrennt worden?“
„Ja, wissen Sie, das hätte so sein müssen – wenn ich’s gewußt hätte. Ich war der Meinung: so sind alle.“
„Wann ist Ihnen dieser Irrtum bewußt geworden?“
„Ziemlich spät, ich will es nicht sagen. Ich schäme mich. Ich war unbeschreiblich naiv. Das lag zum Teil an der häuslichen Erziehung. Es wurde nie darüber gesprochen. Es wurde nie über Zensuren gesprochen, das galt als minderwertig. Jeder Ehrgeiz galt als minderwertig zuhause. Jedenfalls war mir die Sache nicht bewußt – sie war mir wohl bewußt manches Mal als eine Art von Fremdheit unter den Menschen.“
„Eine Art von Fremdheit, von der sie dachten, sie gehe von Ihnen aus?“
„Ja, ausschließlich. Hat aber nichts mit Begabung zu tun, habe ich nie mit der Begabung gekoppelt.“
„Resultierte daraus gelegentlich, sagen wir zum Beispiel: in jungen Jahren, eine Art Verachtung für die anderen?“
„Ja, das kam vor, das war schon früh da. Das konnte schon sehr früh sein. Unter solcher Verachtung habe ich schon manchmal gelitten: nämlich daß man das eigentlich nicht soll, daß man das eigentlich nicht darf, und so weiter.“
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