Minus

Wind von Nordost, in den Wetternachrichten nennen sie, was der Wind bringt, Polarkälte. Es wird kalt in Berlin, siehe an. Es wird hier öfter mal kalt, sogar bitterkalt. Minus zweiundzwanzig irgendwann Anfang der Neunziger: Unter den Linden schneeweiß und ein beißender Wind. Die Filiale von Café Einstein hatte geöffnet, früher Abend an einem Sonntag, der Gastraum fast leer. Wir waren Besucher, nahmen die Stadt aus ihrem pompösen und leeren Zentrum heraus wahr. Sie lag still. An den Fenstern des überteuerten Cafés waren sitzhoch Vorhänge angebracht. Die Kälte kriecht von unten heran, ergreift Füße und Knie. Nach einer Tasse Kaffee verließen wir die Filiale und zogen mit unseren schnellen und warmen Körpern eine Schneise durch minus 22°C. Die Verkehrsmittel verkehrten, wir mußten nach Lichterfelde West, wo die Freunde wohnten, die uns beherbergten. Kürzlich war ich nach langer Zeit einmal dort: alles wie immer, nur die Freunde sind fort.


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