Mit ihr reden

Er hatte sich einen kleinen Altar geschaffen, auf dem standen zwei Kerzen und in der Mitte die Photographie seiner verstorbenen Frau, stets auch ein Strauß frischer Blumen. Abends ließ er das Tonband an und hörte Schubert oder Brahms, trank ein Glas vom weißen Wein, nicht nur eins, sondern mehrere, und sprach mit ihr. Mit ihr sprechen – so nannte er die Monologe, die er an die einzige Person richtete, die ihn wirklich geliebt (und nicht nur gefürchtet) und ihm (wie er hoffte) verziehen hatte. Auf der Photographie stand sie schwarzweiß vor einem dunklen Möbelstück, die Haare zusammengesteckt und eng an den Kopf gelegt, und sah mit ihren eigenartig verschwimmenden und traurigen Augen in die Kamera. Eine Studioaufnahme aus den dreißiger Jahren, da lagen die Geburten hinter ihr, da war sie entleert und glich einer, der zuviel genommen worden war für das, was sie gab. Er war über sie gekommen wie eine junge und absolute Macht, das hatte sie, die älter war als er, beeindruckt, sie war ihm gefolgt. Jetzt war auch er alt, und sie war lange vor ihm gegangen. Daß sie ihn wirklich geliebt hatte, das konnte er, ehrlichen Herzens, nicht begreifen. Deshalb auch weinte er. Und während er dies tat, sah er sich zu und genoß das Bild seiner tiefen Ergriffenheit.


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