Rempeln und pöbeln (mit Nachtrag)

Ein paar irre Herrschertypen sind unterwegs, nachdem die Nichtirren den Irrsinn präparierten und installierten. Demnächst sollte es deshalb leichter fallen, zurückzukehren zur Vernunft, sofern sie diesmal auch intelligent ist.

Krise geht zurück auf trennen und unterscheiden und bezeichnet einen entscheidenden Wendepunkt im Verlauf. Die Wende mißlingt, wenn das ramponierte Personal der letzten verlorenen Schlachten reaktiviert wird. Gäbe es ein Schamgefühl, träten sie zurück, die Angehörigen der sogenannten alten Eliten, schweigend, unauffällig, wirkungsam. Stattdessen Zombieland und Ancien Régime, eine Restauration nach der anderen in schneller Folge.

Nachtrag viele Stunden später: Wenn die Sonne scheint, läßt sich der Irrsinn leichter ertragen. Vielleicht ist nicht gut, nachts Gespräche über die Weltlage zu führen. Welche Welt, wessen Lage? Hegemonialbestrebungen, Grenzen austesten, Machtspiele. Das ergibt ein eigenartig flirrendes Gegenwartsgefühl. Als liefe ich mit anderen auf Eis, alle sähen die Risse und hörten das Knistern, und doch liefen wir weiter, mitten auf dem See und nirgendwo ein Ufer zu sehen. Wohin lenken wir unsere Schritte?

Im Ancien Régime zu leben – dieses Gefühl habe ich seit Mitte der Neunziger, spätestens seit den sogenannten Nullerjahren, den intellektuell anspruchslosesten Jahren in der Nachkriegsgeschichte dieses Kontinents, den Managementjahren, der ökonomischen Crashkurszeit. Damals gab es mit einem Mal Gutmenschen, und das Wort besagte immerhin, daß etwas an dem ausgestellt Guten nicht stimmte – und sei es bloß sein Ausgestellt- und Hergezeigtwerden.

Aus jener Zeit stammt auch der Erziehungslehrsatz: Du mußt lernen, dich gut zu verkaufen; es reicht nicht, gut zu sein; du mußt sie davon überzeugen. Da wurden Anstandsregeln verletzt. Das Gute versteht sich von selbst, denke ich, es bedarf keiner Erklärung, auch nicht werbender Darstellung. Schon wird es nämlich gewerblich. Ja, sie wollten uns zu Propagandisten machen. Ich-AG – wer erinnert sich noch? Selbstmanagement, Zeitmanagement, Beziehungsmanagement. Ein Mensch behandelt sich selbst als Ware.

Mitte der Neunziger erkannte ich eines Abends die neuen Smarties. Eine damals junge Akademikergeneration, die sich die Kritik gleich ganz ersparte, es sei denn, sie brachte Punkte, wurde mir sichtbar. Sie hatten die Kritik noch parat, aber nur, um zu zeigen, daß sie Bescheid wußten, nicht weil sie Not litten. (Leiden macht kritisch, nichts sonst.) Es war eine Geburtstagsfeier, ich war etwas über dreißig, sie waren Anfang zwanzig und kamen aus bürgerlichen Verhältnissen, die Frauen hielten auf Mode, die Männer zeigten sich weltgewandt, beide kannten sich aus, wußten wie es läuft, wollten Stipendien ergattern und Karrierepunkte eintreiben. Auf dem Heimweg bereits nannte ich sie die Bunten Smarties. Damit handelte ich mir Ärger ein, denn meine Freundin sagte, das seien nette Leute. Sicher waren sie das.

Die neuen Herrschertypen, die Irren, die jetzt unterwegs sind, sind nicht mehr smart. Smart ist die Verschleierung von Macht, die Auflösung eindeutiger Zuschreibung und Verantwortung im Kommunikationsprozeß. Macht verschleiert sich nun zunehmend weniger, sie zeigt sich stolz, grob und gerissen. Gangsterkönige, die das westliche Zivilisationspalaver aufmischen. Eine Zeit neuerlicher Personalisierung von Politik und Wirtschaft hat begonnen und bedarf substantieller Antwort. Das waren die Gedanken von gestern, erweitert um die von heute, und morgen gibt es Sonnenwärme.


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