Helfen lassen

Gestern nacht ließ ich mir Nietzsche vorlesen, von Axel Grube, und wurde hellhörig – ja, so soll man Nietzsche lesen! Ausgerechnet Ecce homo, zur Hälfte, wie sie sagen, dem Wahnsinn, dem Größenwahn geschuldet, eine Übergangsschrift, eine Ankündigung des nahenden Untergangs, des Abtauchens in die Umnachtung, in das Wiederkindsein eines Genies, eines Kometen, eines Zerschossenen. Ich finde ihn, Nietzsche, klar, manchmal schmerzhaft überdeutlich, besonders in dieser klugen Rezitation, entschieden auch: ich spüre: eine Linie ist überschritten, dieser Autor ist sich seiner Sache sicher und macht nicht mehr halt. Die Spiele des Messens und Vergleichens, der Duelle auch, sind nicht beendet, doch der Sprechende und Schreibende ist hinlänglich orientiert, ist bei sich und blickt zurück: auf das, was geschaffen wurde, und die Bedingungen, unter denen es geschaffen werden konnte. Er weiß, daß er von Bedeutung ist – oder will es ahnen. Daß er sich noch der Rezeption seiner Werke, so schmal sie ausgefallen ist, zuwendet, beweist seine Unsicherheit, sein eher schwaches Ahnen, daß er von Belang ist, von großem Belang für dieses Abendland, in dem wir noch immer leben und weiterhin, als habe es Nietzsche nicht gegeben. Trotz der Debatten. Nietzsche ist der ungelesenste aller berühmten oder berühmt-berüchtigten Autoren. Dies soll auch werben für Axel Grubes Interpretation. Ich ließ mir fast drei Stunden lang vorlesen, kam selbst bei eigener Lektüre dieses Buches damals nur bis Warum ich ein Schicksal bin.


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