Die sprechende Hand (sich geben oder nehmen)

Die Umarmung wird auch deshalb favorisiert, weil man auf diese Weise dem Handschlag entgeht. In der Umarmung kann man lügen. Fassen sich aber die Hände, wird manches deutlich, und auch feiner. Die begrüßende Umarmung wird schicklicherweise nur kurz sein, die Grüßenden stehen zu nah, um sich sehen zu können. Ein guter Augenblick, einen Dolch zwischen die Rippen zu setzen oder zu schluchzen, über die Schulter der Geliebten hinweg, tonlos verzweifelt. Aber die Hände, die umfassen den Leib und ziehen ihn kurz heran, um ihn dann doch zu lassen, einzeln. Ob die Hände lügen können? Wenn sie sollen, werden sie es können müssen. Da aber die meisten nicht wissen, was vermittelt und gespürt wird bei einem Händedruck, wird auf diese Stelle des Verhaltens wenig geachtet. Ich kenne einige, die drücken hart und kräftig zu und demonstrieren damit, daß sie mich dominieren möchten oder in Schach halten. Sie sind jung genug, damit ich das verstehe, es gehört zum Spiel des Lebens. Zieht jemand seine Hand schnell heraus, weiß ich, was ist, und werde beim nächsten Mal darauf achten. Liegt eine Hand länger als nötig in der meinen, bin ich ebenfalls im Bilde. Hinzu kommen die taktilen Reize: Haut, Oberfläche, Feuchtigkeit, Druck, Geschmeidigkeit, Zerbrechlichkeit, Temperatur, Größe und Form, Arbeitsspuren.  Es vermitteln sich Ruhe oder Unruhe, Sicherheit oder Scheu,  Tatkraft, Optimismus, Entschiedenheit, Sensibilität, Schlaffheit, Trägheit, Unbestimmtheit, Feigheit, Lust, Begehren, noch vieles mehr. Daß das sehr schnell geschieht, besagt nicht, daß es flüchtig ist. Ich erinnere mich an die stets feuchte und willenlose Hand einer Frau, die ich einmal begehrte, und mehr noch daran, wie sehr mich das verstörte. Es kommt nicht nur darauf an, wer wem die Hand gibt, sondern auch wozu.


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