Daß die Täter selbst Opfer sind, muß ich früh begriffen haben. Die Gequälten quälen, die Erniedrigten erniedrigen, die Geschlagenen schlagen. Wie eine endlose Kette setzen sich die Vergehen fort und durchlaufen Glied für Glied. Nur selten, daß jemand dieser verschwiegenen Allianz der Missetaten und Missetäter entkommt, daß ein Sprung ins Freie gelingt, jemand sich losmacht und die dunkle Tradition durchbricht. Ansonsten wird eher fortgesetzt als begonnen. Die Macht der Eltern über ein Kind ist unermeßlich, sie bestimmen seinen Weg und sein Geschick maßgeblich mit. Es läuft und lernt laufen an langer oder kurzer Leine, doch die Leine reißt nie. Am schlimmsten steht es um jene, die die Leine durchtrennen wollen. Man darf es nicht wollen. Wüßten die Eltern, wie stark sie ein Kind bestimmen, bis in einzelne Regungen hinein, würden sie sich ersparen, derart zu intervenieren und zu penetrieren. Die Kinder lernen es auch so, imitativ wie sie sind. Die sich periodisch wiederholenden Widerstände gegen Eltern, Autoritäten und Erziehung dienen der Kräftigung des Individuums und der Herausarbeitung eines je Eigenen. Denn kein Glied in dieser langen Kette gleicht dem anderen oder darf das tun. Der hohe Grad der Individuation (Familiengesicht hin oder her) dient der Ausnutzung möglicher Lebenschancen. Gleichheit ist eine Todesparole. Daß die Täter selbst Opfer sind, studierte ich aus nächster Nähe, etliche Male. Ich zögere, diese Geschichten zu erzählen, ich bin nicht Knausgård. Aber ich wundere mich, daß diese simple Einsicht derart tabuisiert wird. Aus genau diesem Grund ist Erziehung doch eine interessante Angelegenheit. Und jetzt wähle ich noch eine Überschrift, sie lautet:
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