Minima Moralia von Theodor W. Adorno. Bei neuerlicher Lektüre der Eindruck, als katapultierte sie mich, der ich versuche, mir die Entstehungsbedingungen des Werkes vorzustellen (amerikanisches Exil, die Jahre 1944/1945), von jener Abschußstelle auf direktem Flugweg in die Gegenwart. Nur daß die Dinge, die der Autor registriert und reflektiert, weiter gediehen sind: Faschismus und Stalinismus sind zwar abgetreten, doch die Kulturindustrien arbeiten programmgemäß weiter am Aufbau des „Verblendungszusammenhangs“ und an der Abschaffung des Humanen, das in der intakten bürgerlichen Sphäre einmal aus Unterscheidungsvermögen, Zartgefühl und Rücksicht bestanden haben soll. „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ heißt die Adorno-Ethik im Untertitel. Wie ein unbeschädigteres Leben aussehen könnte, ergibt sich, wenn man die Negativmerkmale wendet oder dorthin verfolgt, wo sie einen positiven Wert berühren oder aus ihm hervorgegangen sind. Man muß suchen, wird zum Archäologen. Für Adorno gab es das Paradies einer Kindheit, sein Buch ist die Trauerarbeit eines Vertriebenen.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.