Die Störenden

Vermutlich sind die äußeren Zwänge nichts im Vergleich mit den inneren. Eben das ist der Sinn von Erziehung, und wenn nicht ihr Sinn, so doch ihre Wirkung und Macht. Tatsächlich sind wir äußerlich und abstrakt frei in dieser Republik der gedacht Gleichen.

Tatsächlich sind die Einschränkungen, denen wir unterliegen, formaljuristisch minimal – warum bloß wirken sie so unumstößlich und monumental? Warum bloß fühlt sich hierzulande das Leben an wie ein Verhängnis, wie ein ins persönliche Schuldbuch eingetragenes Vermächtnis?

Das machen die Toten, die nicht vergessen sind. Sie lasten auf uns, und wem das nicht gefällt, dem sage ich: sie lasten auf mir, und ich verstehe sehr gut, daß sie nicht zur Ruhe kommen, solange sie unverstanden bleiben.

Längst geht es nicht mehr darum, wer auf wessen Seite starb und reklamiert zu werden verdient oder verdammt, sondern darum, daß die Toten einen Platz benötigen im Zusammenhang ihres Einsatzes und Verderbens.

Sie möchten erkannt sein, nicht verkannt werden (unterstelle ich). Das gilt auch für die Mörder. Europa ist ein Friedhof lebender Toter oder toter Lebender. Recht schnell werden wir nicht frei, denn die Toten warten auf ihren Platz, geduldig wie sie sind, mächtig.


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