„Die Sonne drehte sich schwer über unseren Köpfen wie ein Mühlstein. Die weißen Männer, die weißen Frauen begannen zu verwesen. Ein fauliger Leichengeruch entströmte den Kabinen. Die halbnackten Damen starben vor Langeweile und Schlaffheit; ihre Moral wurde in der Hitze weich und zerrann wie Butter. Die Engländer stießen ab und zu einen tierisch wilden Schrei aus und versanken wieder in Trägheit.
Ich betrachtete meine Reisegenossen, und bald war mein Auge hart, bald voller Mitleid. Wenn sie ihre Anekdoten ausgetauscht, wenn sie gespielt, geraucht, geliebt hatten, waren sie leer. Jetzt flatterten sie, leere Hosen, leere Blusen, eine widerwärtige Menschenwäsche, an den Schiffsleinen, wo der Wind sie blähte.
Nur ein paar indische Moslems auf dem Deck bewahrten noch menschliche Würde. Jeden Morgen bei Sonnenaufgang knieten sich diese Mohammedaner auf ihre Matten und beteten. Ihre Religion überträgt auf sie den Rhythmus der Sonne und macht aus ihrer Seele eine Sonnenblume, die dem Weg unseres Vaters am Himmel folgt. Wenn alle Passagiere verdürben, diese Mohammedaner allein würden der Verderbnis widerstehen.
Endlich eines Morgens in der Dämmerung Colombo. Süße Stunde, erotische Bewegung des Bugs, der sich durch die orangenen und violetten Dämpfe des Morgens geräuschlos in die schlafende Stadt bohrt …
Die Sonne bricht durch, die Minarette steigen auf, blühende Bougainvilleen überklettern die Mauern. Bezaubernde, duftende Sirenen kauen Betel, lachen und flüstern vor dem indigoblauen Meer.
Eine feurige Menschheit, die die Farben nicht fürchtet, kribbelt auf den Kais, füllt die Gassen. Breite Bananenblätter, eine Handvoll Reis mit rotem Pfeffer, magere Finger, die Nägel mit Henna gefärbt – und man ißt, wo es Schatten gibt.
Ein kleiner Buddha aus Bronze sitzt auf einem Stein an der Straßenkreuzung. Ein alter Mann hat sich vor ihm niedergeworfen und erzählt ihm von seinen Sorgen. Ein junges Mädchen legt lächelnd ein paar rote Blumen vor seine kleinen Füße, Hibiskus, mit feurigen Zungen. Rund um den Kopf des Buddhas ein Dutzend kleine Windmühlen aus Bambus. Das sind die Windmühlen des Gebets. Die Brise weht einen Augenblick, und die Mühlen beginnen, träge die Wünsche der Menschen zu mahlen.
Das junge Mädchen, das dem Buddha die roten Blumen gebracht hatte, betrachtet mich lächelnd und gibt mir ein Zeichen. Ich folge dem Klingeln der bronzenen Ringe, die sie an ihren Knöcheln trägt. Sie geht voran, fröhlich wiegt sie die Hüften, sie ist zufrieden, ihr Gebet wurde schnell erhört.
Eine Tür öffnet sich. Ein winziger Hof, eine dunkle Kammer aus Rohr. Kühler Schatten, Duft nach Mais und Pfeffer. Die Armbänder beginnen laut zu klirren, die weißen Zähne blitzen im duftenden Dunkel.
Das Leben ist ein einfaches Wunder, das Glück liegt in der Reichweite eines jeden, es ist zugeschnitten auf das Maß des Menschen. Es währt einen Augenblick, und so ist es gut.
Wir fahren ab; wir atmen das grausame und reine Element, das Meer. Endlich faßt sich die Seele wieder; sie schämt sich für alles dessen, was sie an Land gesehen, gehört, genossen und berührt hat. Ach, diese Seele ist nur ein armer Christ, der noch Angst hat, der noch mit Schrecken die Vogelscheuche ansieht, die man über dem Baum des Lebens aufgesteckt hat.“
Nikos Kazantzakis, Der Felsengarten [1959], Kapitel 2
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