Rand oder Nische

„Die Kunst ist die Fähigkeit, in der Tatenlosigkeit mit sich selbst und seinem Kopf glücklich zu werden. Alles was abkuppelt von dieser Megamaschine ist wertvoll.“ Ich habe das weiter unten Aus dem Zusammenhang zitiert, Nummer 61. Ich finde das traut gedacht, berückend harmlos für einen Denker, der wenige Jahre zuvor noch die Menschheit überzeugen wollte, sich abzuschaffen, und zwar allen Ernstes, der den Untergang in den Blick nehmen wollte, wie ein Meisterdenker, ein erschreckter Unerschrockener.

Wer den Gestus, in dem das geschah, nachempfinden und erleben möchte, sieht sich das Streitgespräch an, das Ulrich Horstmann 1991 mit Robert Jungk führte, zu finden auf der untier.de-Seite des Autors oder schlicht auf YouTube. Mit Robert Jungk war der Diskussionspartner gut gewählt: ein engagierter, mittlerweile alter Mann (Jahrgang 1913), Pionier und Meritenträger der Umwelt- und Friedensbewegung, ein Vertreter des Prinzips Hoffnung, der Utopie, des sozialpolitischen Optimismus‘.

Der junge Mann mit der eigenwilligen Barttracht und dem ostwestfälischen Idiom erklärt: „Was dieses Buch [Das Untier] vorstellt, ist Eventualitätsphilosophie. Das heißt also: ein Denken, ein Rechnen mit der schlimmsten aller Möglichkeiten. Und wenn diese Möglichkeit eintritt, dann haben wir fürs Philosophieren keine Zeit mehr, weil es dann keine Philosophen mehr geben wird.“ Er fragt rhetorisch, ob der Motor der Geschichte, anders als bisher gedacht, nicht Rachsucht sein könne, „eine Rachsucht gegenüber der Schöpfung, aus der wir herausgefallen sind, zu der wir nicht mehr gehören, wie etwa die Tiere, und versuchen wir nun nicht, mit allen Mitteln das Paradies, das uns nicht mehr zugänglich ist, dieses Paradies mit technischen Mitteln herbeizuzwingen, auch wenn dafür ein Paradies nach dem anderen dran glauben muß.“

Glücklich werden in der Tatenlosigkeit mit sich selbst und seinem Kopf? Das kann kein Rezept sein, es sei denn, man findet eine Nische oder eine Professur.

 


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