Höhensonne

Das Nachdenken über richtiges Leben und falsches Leben hat mich in Verwirrung gestürzt. Aus welcher Warte muß man schauen, um erkennen zu können? Wieviel Abstand ist nötig? Der Satz stammt aus den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, hat es bis in die Gegenwart geschafft und wird noch zitiert. Entwertung des Lebens, wir sind (uns) billig geworden, lassen uns abspeisen, Surrogate und Substitute. Gefühl von … anstelle des Eigentlichen. Hineingeknetet in diesen Gesellschafts-Teig und mit ihm aufgebacken. Fertigbackmischung – geht schneller, ist praktischer, schmeckt fast. Wir reden. Fertigteilsprache, Schnellprägungen, Module. Nachsprechen des Gesprochenen. Adorno hat die Vorstellungen vom richtigen Leben der eigenen Kindheit entnommen, der bildungsbürgerlichen Sphäre, den Ehrvorstellungen und Wertbegriffen städtischen Lebens im Kaiserreich. Ein Leben, das darauf bedacht war, sich auf steife und stolze Würde zu gründen: individuell, familiär, standesgemäß. Das Besitz- und Bildungsbürgertum unserer Tage sucht vergeblich, sich nach dorthin durchzuschlagen, die Verluste zu kompensieren. Wie soll das gelingen: mit Biotum und Geigenunterricht, Waldorfschule und Feldhockey? Schon klingelt jemand an, man muß ans Telephon springen wie ein Dienstbote, es wird nichts werden. Doch die Frage ist nicht beantwortet: Wann gab es denn ein richtiges Leben, wenn das jeweils ablaufende falsch sein soll? Ich gehe mit Adorno: es liegt in der jeweils eigenen Kindheit. In ihr war buchstäblich alles aufgeladen und hochbedeutsam. Aus den zahllosen Einzelheiten wuchsen Welt und Wirklichkeit, aus der Sinnlichkeit erwuchs der Sinn. Nun fehlt er plötzlich?


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