Der Bussard hing in einer Astgabel, er schrie. Wir waren bei den Rindern, reparierten den Unterstand, zogen den Weidezaun nach. Aus dem Waldstück kamen die Schreie. Piepers Busch heißt das Waldstück, aus dem sie kamen, dort stehen hohe Eichen und es liegt ein schwerer Findling inmitten der anrainenden Fichtenschonung. (Der Findling ist eine andere Geschichte wert.) Als wir mit den Arbeiten fertig waren, sahen wir nach, was es mit dem Bussard auf sich hatte. Er hing in der Astgabel einer Eiche fest, flatterte und schrie, riß an seinem Bein und dem Krallenfuß, vergeblich. Wir brauchen ein Seil, beschied mein Vater. Mit dem Trecker zurück zum Hof, schnell mit dem Auto zurück zu Piepers Busch. Nach etlichen Versuchen gelang es meinem Vater, mit dem Seil den fraglichen Ast zu umschlingen, lassoartig: wie ein Cowboy, dachte ich und war stolz. Nun zog er und ließ nach, zog und ließ nach. Der Ast geriet ins Schwingen, der Bussard schrie und flatterte mit. Endlich war der Schwung, die Amplitude groß genug: der Bussard geriet aus der Astgabel und fiel von dort oben, fünf oder sechs Meter hoch, in die Tiefe, lag im Laub und bewegte sich schwach, zuckte noch, lebte. Mein Vater hatte einen Kartoffelsack mitgebracht, den stülpte er über das erschöpfte Tier und trug es zum Auto. Das Seil legten wir zusammen und fuhren mit dem Bussard im Kofferraum nach Hause, öffneten die Kofferraumklappe und nahmen den Greifvogel und trugen ihn in die Waschküche. Ich schreibe und denke wir, aber all das machte mein Vater, er hatte diesen Mut, tat das. Die Katzen mußten wir aussperren, sie waren bereits neugierig, der Hund knurrte leise. Den Bussard legte mein Vater auf den alten Waschtisch, auf den eine graue Decke gelegt wurde, damit er weich lag und ausruhen konnte. Neben seinen Schlafplatz stellten wir eine Schale mit Wasser und einen Napf mit Katzenfutter, fleischliche Nahrung. Es dauerte einige Tage, ehe wir erkennen konnten, daß der Vogel aß und trank. Er lag auf der Decke auf dem alten Waschtisch und erholte sich, jeden Tag ein wenig mehr. Die Blicke des Bussards änderten sich, er bemerkte uns, und wir erkannten, daß er uns erkannte. Wir waren nicht böse, das wußte er. Nach zehn oder mehr Tagen sagte mein Vater, es sei nun Zeit, ihn wieder in die Freiheit zu geben. Der Bussard ließ sich tragen, hackte nicht nach der Hand meines Vaters, der ihn mit dem Kartoffeljutesack umhüllte und in den Kofferraum legte. Nahe Piepers Busch setzte mein Vater den genesenden Bussard auf einen der Weidepfähle und ließ los. Der Bussard flog und segelte tief, stürzte einmal ab, dann konnten wir ihn nicht mehr sehen.
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