Seit langem Schwierigkeit mit Gedichten – nicht so sehr beim Lesen, mehr beim Schreiben, beim „Dichten“ (wie man früher sagte, irgendwann früher, als man sich noch nicht schämte). Ein Vers, der auf seine Abbruchkannte zuläuft, erscheint mir ungeheuer prätentiös, dorthin genagelt wie ein Brett vor den Kopf, wie eine Wichtigtuerei. Dann diese sogenannten Pausen zwischen einzelnen Versen, obwohl das Enjambement doch besagt, daß die Kluft überbrückt ist. An welcher Stelle den Vers enden lassen? Reine Willkür als Antwort, ein Mach es, wie du denkst oder Mach es so, daß es gut aussieht (gefällt mir schon besser). Gedicht schwingt sich auf ins Wichtige, Unnachahmliche, Kunst- und Huldvolle. Etwas daran verstimmt mich, macht mir gleich schlechte Laune. Sodann das Raunen, das Evozieren, bei dem man sich darauf verlassen muß, daß der Leser mitmacht. Hinzu kommen einige der Klischees der Lyrikkritik: das Unverständliche und Dunkle, das sich als rätselhaft („änigmatisch“) und verschlossen („hermetisch“) darbietet; das Gekünstelte eines Ausdrucks, an dem niemand Maß nehmen kann; ein patziges Ich spreche eure Sprache nicht oder Ich bastle an meiner Privatmythologie; die Aufdringlichkeit des rein Persönlichen. Solches hängt dem Gedicht an wie Flitterkram. Vielleicht sollte man es deshalb probieren, ungekünstelt. Nicht schämte, sondern stolz war.
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Sieht man von den Formen ab, kann, was Du gegen das Gedicht anführst, auch für Prosa gelten.