Aus dem Zusammenhang 77

„… wenn unter der Asche der Tage keine Glut mehr liegt, macht sich das Grau breit und verlangt nach tausend Zerstreuungen, um sich über sich selbst hinwegzutäuschen und von der Belanglosigkeit abzulenken. Dann muß der Tod den Namen wechseln. Er ist nicht mehr ein Heimgang, sondern ein Abgang. Keine Spannung mehr. Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate (Dante): Nicht die anderen sind die Hölle, sondern das Fehlen eines Bestimmungsorts. Das Jenseits hat sich aus dem Staub gemacht, aber die Fackel vorher an recht ehrenwerte Statthalter weitergereicht, die ihre Wohltaten gebracht haben. Im 18. Jahrhundert der Fortschritt, im 19. die Zukunft der Wissenschaft, im 20. das Kommen der Gerechtigkeit. Condorcet, Renan, Jaurès (oder Lenin). Progressismus, Szientismus, Sozialismus. Der Verlust des zukünftigen Gottes hat aus der Zukunft unseren Gott gemacht. Diese drei Wartesäle haben durchaus mehr und Besseres getan, als uns die Zeit zu vertreiben, aber der Fortschritt hat neben dem Penicillin auch das Glyphosat und das Ozonloch gebracht, die Wissenschaft neben dem Mond auch Hiroshima, und die Gerechtigkeit neben der Sozialversicherung auch die Kolyma. Daher eine instinktive Vorsicht gegenüber den hochfliegenden Vorhaben und eine Wiederflottmachung der Zugehörigkeiten, um uns für die mangelnden Erwartungen zu entschädigen. Es geht wieder stromaufwärts, und das wird gebilligt, weil das Vorwärts zurückflutet. Pflicht zur Erinnerung und Niederlage der Hoffnung sind wie Kopf und Adler ein und derselben Münze. Die Wissenschaft hat sich nicht als so viral und ansteckend erwiesen wie erwartet, denn sie ist nicht, wie der Glaube, eine Verstärkung der Identität, ein nie enttäuschtes Vertrauen oder eine Neuaufladung der Zeit, denn sie ist nicht imstande, uns das erwartete Geheimnis unserer Mythologien ins Ohr zu flüstern: nämlich daß sie uns sagen, wer wir sind und wohin wir gehen.
   Verurteilt sich eine Zeit, die ihre dritte Dimension verloren hat, nicht dazu, muffig zu riechen? Ist eine Behausung, die nicht von der Zukunft durchweht wird, nicht eine Stätte ohne Geist? Können unsere bis zum Brechen gefüllten Supermärkte diese Misere des Symbolischen überdecken?“

Régis Debray, Der tote Winkel, Lettre 123 (Winter 2018)


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Aus dem Zusammenhang 77

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert