Nicht in die Augen sehen

Das Regime ist morsch und mürbe, flackerndes Licht. Beteuerungen, daß der Spuk bald vorbei sein wird. In der Ferne, weit weg, die Schüsse, Detonationen, Explosionen. Ängstliches Lauschen hinaus in die Nacht – kommen sie näher, müssen wir die Lichter löschen? Noch gibt es elektrisches Licht, die Radiostationen senden, das Wetter findet Beachtung. Vorhersagen. Die Zeitungen erscheinen, die Polizei ist unterwegs, es gibt eine Armee. Mobilisierungen. Debatten am Stammtisch, Debatten am Kiosk, Debatten an der Theke des Fleischers. Was bringt das? Familien zerfallen in Fraktionen. Lastwagen scheppern durch die schreckhaften Straßen eines ordentlichen Viertels, Uniformierte auf den Ladeflächen, die Freiwilligen mit Sturmgewehren, aufgepflanzten Bajonetten und entschlossenen Gesichtern. Theateraufführung, Schüler des Lebens und des Todes. Es wird bereits geschossen, da müssen sie hin. Die Macht liegt auf der Straße, wer hebt sie auf. Wer gegen wen? Parolen, Appelle, Losungen. Die, die etwas haben, gegen die, die etwas haben wollen. Die, die etwas ergattern können, gegen die, die nichts ergattern konnten. Beschlagnahmungen, Enteignungen, Einquartierungen. Fahnen in den Wind, Abzeichen annähen und wieder abtrennen. Todeskommandos, Erschießungen. Gruppen und ihre Symbole und ihr unerschütterlicher Glaube an den Sieg der eigenen Sache. Frage des Überlebens. Brot wird Währung, Schlaf ist Gunst. Beziehungen regeln den stockenden Verkehr. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Zersplitterung der Lager, Unübersichtlichkeiten, Mißverständnisse. Neue Tote. Der Bürgerkrieg ist der schlimmste aller Kriege. Die Blutlinien rinnen heiß und rot in die Zukunft.


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