Was fällt, steigt auf

Die Vierversestrophen von Boris Pasternak, zum Beispiel Rauhreif aus dem Kriegsjahr 1941, das beginnt so: „Das Laub fällt an trostlosen Tagen … / Dort fliegt noch ein Wildgänseschwarm. / Es gibt keinen Grund zu verzagen; / Sehr groß sind die Augen der Angst!“ Das ist lediglich übersetzt, aber immerhin: es wurde übersetzt (von Christine Fischer). Ich werde Russisch nicht mehr lernen, voraussichtlich, aber ich möchte Pasternak kennenlernen. Auf der Rückseite des Bandes, in dem ich stöbere, wird Ossip Mandelstam zitiert, der gesagt haben soll: „Pasternaks Gedichte zu lesen reinigt die Kehle … Die Arme schwenkend, murmelnd, trottet so die Poesie daher, torkelnd, mit schwindligem Kopf, selig von Sinnen und doch als einzige nüchtern, als einzige von allem auf der Welt: hellwach.“ Vielleicht hat er es auch geschrieben, vermutlich in einem Brief, damals galt Dichtung noch, sie schrieben auf Leben und Tod. Heute schreibt, wem danach ist. Der Poesie haftet keinerlei Hoffnung mehr an, niemand glaubt an große Dichtung oder daß sie etwas ändert im Verlauf der Stunden und Tage eines eigenen und doch nicht nur eigenen Lebens. Gedichte dienen dem Zeitvertreib, zuständig sind nicht länger die Musen, nur mehr die Launen, einstweilen.


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Was fällt, steigt auf

2 Gedanken zu „Was fällt, steigt auf“

  1. L. L. schreibt:

    Ich denke nicht, dass Gedichte dem Zeitvertreib dienen – außer womöglich die schlechten. Gute dagegen nageln sie fest, diese treibende Zeit.

    1. Ja, diese treibende Zeit … Gedichte sind Konzentrationen in Gelassenheit, denke ich jetzt, spät bereits. Sich nicht umbringen lassen von angeblich mächtiger Zeit, auch wenn sie dem Einzelnen genommen werden kann, sogar muß. Auf ihr fahren, mit ihr segeln, durch sie Luft holen – davon träume ich. Es wird eine große Zeit poetischen Sprechens kommen, ich bin mir sicher. Einstweilen der Zeitvertreib, auch bei mir. Ich glaube noch nicht genug an die Poesie – zugleich aber schützt mich diese Skepsis. Deshalb gebe ich ihr Raum. Später kommt noch sonstwas.

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