Wundrand

Die Reaktionen auf Werther sind symptomatisch – besonders jene, die Ablehnung oder Widerwillen formulieren. Fast zwei Jahrhunderte später wird es Holden Caulfield ähnlich ergehen, dem Einzelgänger und Protagonisten aus Salingers Der Fänger im Roggen. Erneut wird hervorgehoben, was er nicht kann. Er kann noch nicht lügen, ist nicht bereit dazu, derzeit noch nicht. Er sollte es bereits können, denn darum scheint sich alles zu drehen: daß man zu lügen lernt, sich verbergen lernt, daß man mitspielt und die Regeln befolgt, sich arrangiert usw. – Wer wird denn diese Sache so ernst nehmen, Jungchen … Aber das ist doch das Hauptvermögen der Dichter: daß sie die wichtigen Sachen ernst nehmen und die unwichtigen nicht; daß sich ihre Einschätzung, was wichtig ist und was nicht, deutlich und erkennbar unterscheidet von der, die die Gesellschaft stellvertretend für alle trifft. Dichtung ist nicht Pillepalle, sondern Dissidenz, ganz gleich wie erlaubnistolerant sich eine Gesellschaftsmacht zu präsentieren versteht. Sie gibt eine andere und neue Sicht auf das allseits Akzeptierte, und diese Sicht finden wir vor allem in Figuren, die sich erhebliche Schwierigkeiten einzuhandeln vermögen. Sie sind Talente des Widerstands, sie manövrieren sich in Ausweglosigkeiten, genau dorthin, wo das System endlich ratlos ist und versagt.


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