Arbeit

Der Flieder blüht seit Wochen, nun haben sich die Farne entrollt. Die Kämpfe um den Tag der Arbeit, der „Blutmai“ von 1929, die nationalsozialistische Besitznahme und Umdeutung: Tag der nationalen Arbeit, seit 1933 gesetzlicher Feiertag; 1946 vom Alliierten Kontrollrat bestätigt, Feiertag in beiden Deutschlands, Feiertag in Österreich, kantonaler Feiertag in der Schweiz, Feiertag in Belgien, Finnland, Frankreich, Italien, Luxemburg, Liechtenstein, Norwegen, Portugal, Rußland, Schweden, Spanien, Ungarn usw. Internationaler Kampftag der Arbeiterklasse. Was ist aus ihr geworden, welche Kämpfe trägt sie aus? Ehrt den Arbeiter seine Arbeit und ehren wir den Arbeiter dafür? Anerkennen wir uns selbst, sofern wir denn Arbeit haben und bezahlt sind für das, was wir tun? Gibt es ein Evangelium der Arbeit, kann man daran glauben? Wie steht es um jene Arbeit, die ausbeutet und versklavt? Wer bekommt wieviel und aus welchem Grund? Wem gehört das Land und das, was darauf wächst, steht, sich bewegt? In den Osterferien führte mein Rückweg von der Arbeit an einer großen videoüberwachten Baustelle vorbei. Vor dem Bauzaun blühte duftend und betörend der Flieder, hinter dem Zaun trugen sie Helme und sprachen eine Sprache, die ich nicht kenne. Das sind angefangene Geschichten.


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