Bewährungsprosa oder: Natürlich lieben Sie Ihre Familie

Soeben fällt mir das Wort Bewährungsprosa ein, vermutlich eine Wortneuschöpfung. Gewiß ein Einfall …

Einfall: was von sonsther kommt und mit einem Mal, plötzlich wie der Blitz, ins Hirn einschlägt und eine unerwartbare Verbindung schafft. Was hat es auf sich mit jenen Gedanken oder Sprachbildern, die aus dem Nichts bei uns landen, als seien wir auserkoren? oder lediglich in erreichbarer Nähe? zu einer Notlandung umständehalber.

Nun zur „Bewährungsprosa“ – die Verbindung ergab sich, als ich den Bericht eines nicht mehr ganz jungen Vaters (41) las, der am Freitagabend feiern geht und dies am Samstagmorgen büßen muß. Denn die Kinder wollen spielen, etwas vorgelesen bekommen, sind fordernd. Er schreibt: “ Zufälligerweise bin ich Fachmann für Energiefragen. Keine Angst, ich werfe Ihnen jetzt keinen Rosenquarz an den Kopf oder sage Ihnen, Sie müssen sich detoxen, Schwitz-Yoga machen, Heilfasten oder einen Iron-Man gewinnen.“

Bewährungsprosa ist eine der Rede oder des geschriebenen Worts, sie setzt auf Wiedererkennungseffekte, zielt auf Wirkungstreffer. Zugleich ist sie eine Prosa der Kumpanei, der vermeintlichen Vertrautheit und des Augenzwinkerns. Ironie ist die Schutzhülle ihrer Substanzlosigkeit. So spricht kein Individuum, sondern ein Klassenmensch, ein Repräsentant.

Das ist dem Autor nicht vorzuwerfen, denn nichts anderes möchte er sein. Er hat Typisches erlebt und spricht darüber. Dennoch verärgern mich seine Sätze – und das mag mein Problem sein. Mir ist diese Art des Sprechens über, ich habe sie satt. Dieses gruppenschielende Reden, dieses Anspielen auf dies und auf das, das Expertenhafte, das Könnerhafte daran, auch die Blasiertheit – lauter Manien der Zugehörigkeit und des Deckungsuchens in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter und Gleichgestimmter.

Evolutionsbiologisch geht das in Ordnung – altersgemäß wird im gemeinschaftlichen Jagd- und Kampfverband agiert, da zählt ein Einzelwesen das, was es zur Gruppenstärke beiträgt. Die Referenz auf geteiltes Wissen und gemeinsame Erfahrung ist unabdingbar. Kulturell wirkt davon vieles nach, intellektuell ist es enttäuschend. Da steht nichts, was man nicht wüßte. Es wird zur Selbstbestätigung wiederholt und ersucht um Zustimmung und Mitgefühl.

Deshalb Bewährungsprosa. Weil der Einzelne sich nicht einzeln stellt und zeigt, sondern den Jargon sucht, den Sound seiner Clique anstimmt und sich vor ihr zu bewähren trachtet. Gruppenabende verbringen zu müssen mit solchem Selbstdarstellungsgerede … dabei ist ein Selbst in solcher Rede nicht zu erkennen. Bewährungsprosa ist Selbstverbergungsprosa, schärfer: Selbstverleugnungsprosa.

„Es ist Samstagmorgen, kurz nach sechs Uhr. Und natürlich lieben Sie Ihre Familie.“


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