Siehe da, ein Mensch! Das empfinde ich bei der Lektüre der Tagebucheinträge von Anaïs Nin. Ich möchte ihr kein Zitat entreißen. In den Eintragungen sind die Dinge im Fluß, sie breiten sich aus, werden schmaler, nehmen Fahrt auf oder versiegen. Menschen, Orte, Begegnungen. Über den Begebenheiten der Schleier aus Worten, die, als sie geschrieben wurden, warm waren und in Fühlung standen zu all dem, auf das sie sich bezogen oder dem sie ihrerseits sich verdankten. Vor allem Menschen und ihre Wirkung auf diese empfindsame und elastische Person, die ein klarer und tiefer Spiegel zu sein vermochte und mehr war als lediglich Muse. – Wenngleich: Muse zu sein, das ist sphärisch, das berührt zauberisches Vermögen. – Und siehe da, die Tagebuchsätze der Anaïs Nin leben und führen mich (selbst in deutscher Übersetzung) in eine Zeit, da Probleme aufgetürmt, erkannt und benannt wurden, unter denen auch wir noch leiden. Dem Künstler trauten sie damals mehr, trauten ihm alles zu, glaubten noch an Befreiung, durch die Kunst, durch Studium und Kenntnis des Unbewußten. Ekstatiker der wilden Hoffnung, arme heilige Hunde wie Henry Miller. Und zwischen diesen Verrückten in Paris (oder in New York) die unantastbar scheinende Tagebuchschreiberin, die mit betörender Unschuld die Schuldgefühle der Beladenen sondiert und imaginiert, die Menschen sammelt wie andere Käfer oder Kieselsteine, stets voller Liebe und intensiver Anteilnahme. – Diese Tagebücher stehen seit langem im Regal, aufbewahrt. Nun beginnen sie zu leben. Autoren müssen sterben, aber sie kehren zurück und bleiben.
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