Während draußen sich die Hitze aufbaut, sitze ich auf meinem Bett, trinke Kaffee und lese die Briefe und Aufzeichnungen von Nikos Kazantzakis, der überall gesucht hat. Tagebucheintragung vom 21. Januar 1924, Neapel:
„Warum sollen wir denken?“ sagt mir ein blasser strahlender Jüngling. „Vor soviel Schönem hier ist das ganz wertlos. Denken paßt gar nicht hierher. Denken tun die Menschen des Nordens, zu ihrem Schutze, zu ihrer Selbsterhaltung, um an die Stelle der häßlichen Welt um sie herum die Welt ihrer Einbildung zu setzen. Hier ist Denken überflüssig.“ — Wahrhaftig, eine Sirene ist diese Stadt, ist dieses Meer. Ruhig, unwiderstehlich überkommt mich eine genießerische Stimmung, ich schlendere gemächlich, beglückt, untätig am Meer umher. Es ist Zeit für mich, schleunigst von hier fortzugehen.
Nach einem Besuch in Pompeji schreibt er am 18. Februar einen Brief an Rahel Lipstein, seine Freundin in Berlin:
Die Keller Pompejis waren voll, voll; die Frauen waren schön, gut in den Thermen gebadet und unfruchtbar; die Männer waren lustig, sinnlich, geistvoll, ironisch und müde. Alle Götter – Griechen und Asiaten – waren da, in demokratischem Elend, lächelnd, ungläubig, feig, miteinander die Opfer und die Menschenseelen verteilend. Die ganze Stadt, ausgebreitet am Ufer des Meers, stank wie ein Aas. — Und die großen wunderbaren Geier haben in der Luft gewittert – die Sinne Gottes sind aufgeregt und der Mund Gottes als Krater sprach. (Einsame Freiheit, 96-98)
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.