Den Mond vergesse ich zuweilen, ich bin nicht mondsüchtig. Gestern nacht hing er groß und leuchtend über der Straße, beugte sich über die hohe Balustrade der Mietshäuser und sah auf mich herab wie ein Kind auf sein Spielzeug oder der Versuchsleiter im Labor auf seine weiße Ratte. Er wirkte wohlwollend und zärtlich interessiert. Es ließ sich nicht fühlen: Das ist nur der Mond. Man kann einen Verbündeten in ihm sehen. Ich war unruhig den Tag über und brauchte Trost. Zuhause angekommen schrieb ich: „… dort oben regierend und still (nicht gütig), waltend wäre das Wort, steht oder hängt oder ist dieser volle Kopf, leuchtend im Licht der Sonne, und besieht, so wirkt es, die Szenerie unserer Geschicke. Für manche läuft es gut, für andere nicht so. Zu mittag war Streit im Nachbarhaus, sie führten ihr uraltes Gefecht in eine weitere Runde, keifen, diesmal kurz, ich war dankbar. Meine Gedanken und Gefühle streunen vereint, wir sind mal hier, mal dort. Das Bewußtsein geht mit, was läßt sich tun. Ich entsorge mich, ich bin fertig, ich danke ab. Der Mond schien mir fast schon interessiert, als ich zu ihm aufblickte wie zu einer Gottheit. – Einer muß sich doch für uns interessieren, denke ich nun, vierhundert Jahre später. Daher der Mond, ewiger Mond, ab- und zunehmend wie die Hoffnung, das Vertrauen, die Geduld.“ Daß der Mond nicht sehen kann, wird unwichtig, wenn geklärt ist, daß manche Menschen sich gesehen glauben, und auch nur als ob. Rüdiger Safranski schrieb, darin bestehe der romantische Trick. „Es war, als hätt‘ der Himmel / Die Erde still geküßt ….“ Er hat nicht auf mich gesehen, doch mir war so. Ich fühlte mich beobachtet.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.