Die Anaïs Nin der Tagebücher ist eine Stilisierung – zu schön, um wahr zu sein. Nin als selbstlose, sich für befreundete Künstler aufopfernde Heroine, sanft und wissend. Georg Stefan Troller: „Wie hatte sich die jugendliche Literatin dergleichen leisten können? Hugh Guiler machte es möglich, der in sämtlichen Tagebüchern und Literaturgeschichten ausgesparte Gatte und Bankier.“ In ihrem Tagebuch klingt das so: „Ich bin unter dem Zeichen des Schenkenden geboren, Pisces, ich will mehr und mehr geben. Ich werde auf den Besuch bei meinem Vater in Caux verzichten, bei den Durrells auf Korfu, in Montecatini bei Hélène und in Venedig bei meiner Mutter und Joaquin [ihr Bruder], denn ich muß Henrys Miete zahlen, Gonzalos Miete, und ich muß sie alle ernähren. Keine Ruhe. Kein Meeresstrand, keine Reisen, keine Ferien. Voilà. Weder Strandkostüm noch Gebirgsluft noch Sonne auf der Haut. Aber es macht mir Vergnügen zu sehen, wie meine Kinder leben.“ Das ist schon ein bißchen gelogen. – Tatsächlich aber hat sie gegeben, und vielleicht ist es etwas kleinlich, hier nach der Herkunft der Mittel zu fragen. Andererseits: warum sagt sie nicht, daß sie helfen kann, weil ihr Mann genügend Geld verdient? Das veröffentlichte Tagebuch bietet eine ausgestellte und aufbereitete Intimität, präparierte Wahrheiten. Es zeigt, wie die Autorin gesehen werden möchte, und dadurch auch, wer sie wirklich ist: ein Mensch mit großem Geltungsdrang, eine Frau, die geliebt und bewundert werden möchte, die sich unverzichtbar macht und der es gefällt, sich im Dunstkreis der Genies zu bewegen und von ihnen begehrt zu werden, mehr noch: sie von sich abhängig zu sehen. Zusätzlich ist sie Heilerin (siehe unten mein Eintrag) und tapfere und kluge Kämpferin gegen die Vorherrschaft des Mannes. Dazu dieses Zitat: „Immer mehr offenbart sich im Tagebuch mein Kampf gegen die wissenschaftlichen und intellektuellen Erfindungen des Mannes. Mit meinen Gefühlen und Instinkten strafe ich alle Theorien und psychologischen Erklärungen des Mannes Lügen. Die Analyse habe ich angewendet, transformiert und schließlich alles, mit Ausnahme der Poesie, verworfen.“ Kann ich sie nun weiter lesen oder schließe ich dieses Buch, enttäuscht und beschämt? Ich werde weiterlesen, aber mit anderen Augen. Warum hat ihr Mann das geschehen lassen und trotz der Affären und Eskapaden zu ihr gehalten? Er, der selbst künstlerische Ambitionen hegte und dem als Filmemacher der Erfolg verwehrt blieb, muß sie sehr geliebt haben. Was sie brauchte, war ihm recht: der schöne Schein, eine bessere, schönere und edlere Version ihrer selbst, dazu noch verrucht und sexuell freizügig, alles in einer Person vereint, ein Kunstwerk. Vielleicht schmiedeten sie gemeinsam ein Komplott, wer weiß schon, was zwei Menschen aushecken, die sich ausgeliefert sind, auf Gedeih und Verderb, nicht gewissermaßen, sondern wirklich.
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