„Der Mensch ist ein Abstraktum, es gibt nur die Menschen. So wie das Leben insgesamt auf jeder Stufe seiner Entwicklung eigenes Recht und eigene Bedeutung besitzt, so verhält es sich auch mit dem Menschengeschlecht. Jedes Individuum prägt in jeweils besonderer Weise das aus, was der Mensch ist und sein kann. Herder vertritt einen radikalen Personalismus. Es gibt die Menschen als abstrakte Größe, und es gibt die Menschheit, die jeder in sich achten und zur individuellen Gestalt bringen kann. Auf sie kommt es an. Aus dieser Perspektive ist die Geschichte dann nicht nur das große Panorama, vor dem sich der Einzelne abhebt. Die bewegenden Grundkräfte der Geschichte, die man dort draußen entdeckt, müssen und können vom Einzelnen als schöpferische Lebendigkeit in ihm erfahren werden, ein Zusammenhang, den Herder auf seiner Schiffsreise geradezu ekstatisch erlebte. Nur wer das schöpferische Prinzip am eigenen Leib erfährt, wird es auch draußen im Lauf der Welt und in der Natur entdecken. Diesen Gedanken wird Goethe später in den Maximen in dem Satz resümieren: ‚Über Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich selbst Geschichte erlebt hat.‘ Der Einzelne, der sich zum Individuum bildet, ist und bleibt das Sinnzentrum, auch wenn er, was nicht zu leugen ist, stets einer Gemeinschaft bedarf. Sie aber, so Herder, sollte so organisiert sein, daß jeder seinen individuellen Lebenskeim entfalten kann. Die Gemeinschaft ist eine Verbindung zur gegenseitigen Hilfe bei dieser Entwicklung. Dabei ergibt die Vereinigung der Einzelnen in der Gemeinschaft nicht einfach eine Summe, sondern sie bildet durch das Zusammenwirken einen jeweils besonderen Geist, der aus der Vereinigung entspringt und dem Einzelnen eine geistige Lebensluft gibt.“
Rüdiger Safranski, Romantik. Eine deutsche Affäre, S. 25f.
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