Früher waren die Institutionen berüchtigte Orte der Erziehung und Züchtigung: Schule, Lehrstelle, Militär, auch die Universitäten. Kaiserzeit und Drittes Reich, dazwischen etwas Republik, dann die DDR, das rote Preußen. Auch Westdeutschland autoritär bis in die Knochen, sie hatten es nicht anders gelernt. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, und bei der Bundeswehr machen sie einen Mann aus dir (trotz „Innerer Führung“). Die siebziger Jahre brachten Mäßigung und Milderung, die antiautoritäre Erziehung schlug durch. Lehrlinge hießen fortan Auszubildende. Sie und die Schüler, die Rekruten und die Zivildienstleistenden sind nämlich Menschen mit eigener Würde und unveräußerlichen Rechten. Ja, das klingt gut. Beinahe läßt sich glauben, die Macht sei allein dadurch verschwunden, daß sie sich nur selten zeigt, sich versteckt hält hinter einem Vorhang aus teuren Worten und edlen Absichten. Da wir in der besten aller Welten leben und so frei sind wie nie zuvor in unserer Geschichte, scheint das Gewaltproblem gelöst zu sein. Die Ansprüche der Gemeinschaft an das Individuum sind gesetzlich geregelt, jetzt muß einmal Ruhe sein. Das Zauberwort heißt Demokratie. Die absorbiert Kritik und verbirgt den autoritären Charakter der Institutionen. Unser Komfort besteht darin, daß die Härten und Druckstellen ausgepolstert sind – nicht, daß es sie nicht gibt. (Man soll sich nicht belügen.) Uneins wird man darin sein, ob dies schon das Beste ist, was innerhalb einer Großinstallation wie Staat möglich ist. Kürzlich sagte jemand: Es gibt zwei Dinge, bei denen der Staat kein Pardon kennt: erstens die Steuern, zweitens die Sozialversicherung. Die Liste ließe sich verlängern. Wer einmal nicht in das System mit seinen zahllosen Subsystemen hineingepaßt hat, kann erzählen. Für seinen Schutz muß man zahlen, daran hat sich wenig geändert.
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