Innerhalb von siebzehn Minuten

Dem Tag Beine machen! Welch mühsames Beginnen nach vertrackten Träumen und aus dem Bett vor der Zeit. Der Morgen graut und die Putzkolonne scheppert im Treppenhaus. Bescheidene Leute, Wischmopp und Eimer in der Hand schlurft einer über den Hof, ich habe ihn sofort gern. Den Kopf hält er gesenkt, als müsse er meinen Zustand abbilden oder diesen einen halben Tag lang spielen. Ich hoffe, es steht gut um ihn. Dann der Briefverkehr, schon besser, ich kann bereits etwas sagen. Fühler in die Ferne, an eine Freundin denken, die beste. Erstkläßlerdenken – willst du meine beste Freundin sein? Belebungsversuche mit Kaffee. Kaffeesatz nutze ich als Dünger, funktioniert aber auch als Peeling für die Haut (las ich). Mein Peeling ist die Rasur. Laß dir einen Bart stehen, geh nach Afrika – Erinnerungen an William Carlos Williams. The Lumineers auf beiden Ohren, ich fahre mit der Bahn und sehe die Gesichter auf den bekleideten Körpern, und auch heute ist dieses Flirten mit den Möglichkeiten an Bord, wenn auch schwächer als die Tage zuvor. Bald wird es kalt, da will keiner allein sein. Rilkes Herbstgedicht dazu, ich mag es gar nicht zitieren, seit der Comedian es gebrauchte für einen Nuhr-Witz. Der Witz war schal, das Gedicht ist groß. Goldener Oktober diesjährig verlängert, lange Einkaufsstraße voller Leute, das Hochhaus steht nackt bis aufs Gerippe der Etagen und Versorgungsschächte im Gegenlicht der südwestlichen Sonne, es sieht aus wie geröntgt. Kaufstopp am Backshop, ich liebe die Sprache und bezahle das Wrap mit Salatfüllung und Hühnchenfleisch. Blinde kommen mir entgegen, ihre langen Stöcke hin und her wie Scheibenwischer, sie sind fröhlich und lachen sich kaputt. Arbeit beginnen, Menschen versorgen, Kollegen begrüßen, Zettel ausfüllen, Anweisungen studieren, Listen ausfüllen, frische Luft ins Zimmer lassen (viel zu heizungswarm), mir selbst eine gute Frage stellen: Was tue ich hier? Ich beantworte sie später, denn schon geht’s los. Nach Stunden gehe ich durch die Dunkelheit und kehre heim. In der Bahn lese ich mein Tagebuch und gerate zurück in die Zeit vor vier Wochen. Ich produziere Vergangenheit wie andere auch. Heute war ein Tag, ich habe ihm Beine gemacht. Noch ist dieser Tag, ein Mittwoch, auch wenn das Abend heißt, was jetzt los ist. Wie denn Beine gemacht, ich verstehe nicht? Beine gemacht, indem ich ihn ließ. Indem ich mich ließ, indem ich andere ließ. Indem ich mich jetzt noch lasse, auch die Finger lasse. Sie tippen auf die schwarzen Tasten wie von selbst. Ich trinke ein kühles Bier, das löscht den Durst der Arbeit. Ich könnte einen Text nach dem anderen schreiben, reden und reden, ich sollte noch unter Leute. Ein solcher Abend ist heute. Was soll eigentlich so schwer sein am Gedichteschreiben?


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