Schönheit ohne Wahrheit bleibt Kitsch

Als ich ein Kind war, sah ich einmal eine Dampflok. Sie fuhr das letzte Mal eine der sogenannten Nebenstrecken des Gleisnetzes der Deutschen Bundesbahn. Ich saß hinten im Auto und staunte sie an. Dampflokomotiven kannte ich nur aus Filmen, aus Bilderbüchern vielleicht, oder aus Romanen. Schwarzrußig und urtümlich (Ungetüm) pfiff und keuchte sie vorüber, zog nicht die Last einiger Waggons, wurde nur überstellt nach sonstwo, um dort verschrottet zu werden. Mein Vater erklärte es mir so, und es riß an meinem Herzen. Ich bin früh auf Verlust und Vergänglichkeit gestimmt worden. Alles Schöne verschwand oder wurde einem kaltherzig genommen. Schön war das, was bald nicht mehr war; schön war das in Gefahr. Daß die Dampflokomotiven einst Inbegriff und Ikone des technischen Fortschritts, der großen Abräumbewegung zur Beseitigung des Überkommenen (des Alten) und des Aufbaus zweckrationaler Beziehungen und nutzbringender materieller Werte, gewesen waren, begriff ich erst später. Seitdem bemühe ich mich, Nostalgie von Schönheit zu sondern. Schön heißt, daß es den Sinnen gefällt. Doch was gefällt ihnen? Warum und seit wann? Wozu und wie lange? Als Kind des Schmerzes gebe ich sorgsam acht, was mir genommen werden soll und was dafür zum Trost geboten wird. Das heißt, ich mache mich teuer.


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