„In einem eifernden Geist erkennt man – getarnt – das Raubtier wieder; vor den Klauen eines Propheten kann man sich nie genug in acht nehmen … Hörst du ihn im Namen des Himmels, des Gemeinwohls oder unter irgendwelchen andern Vorwänden die Stimme erheben, so meide ihn: ein Vampir deiner Einsamkeit, verzeiht er dir nicht, daß du diesseits seiner Wahrheiten und Gefühlswallungen lebst. Seine Hysterie, seine Habe: er will sie mit dir teilen, sie dir aufzwingen, er will dich entstellen. Denn ein vom Glauben Besessener, der nicht danach trachtet, diesen Glauben seinen Mitmenschen mitzuteilen, wäre ein fremdartiges Phänomen auf dieser Erde, auf der man vor lauter Heilswahn nicht mehr atmen kann. Wohin man sich wendet: überall Larven, die predigen; jede Institution erfüllt eine Sendung; jedes Gemeindehaus besitzt sein Absolutes, wie jede Kirche; die Verwaltung hat ihre Ordensregeln –: Metaphysik für Affen … Ein jeder will der Not eines jeden abhelfen, selbst Bettler und unheilbar Kranke wollen es: auf dem Pflaster der Welt und in den Hospitälern wimmelt es von Reformatoren. Bei jedem einzelnen wirkt das Verlangen, Ursache von Ereignissen zu sein, wie eine geistige Störung, wie ein selbstgewollter Fluch. Die Gesellschaft: eine Hölle voller Erlöser! Einen Gleichgültigen – das war es, was Diogenes mit seiner Laterne suchte …
Ich brauche nur zu hören, wie jemand mit Überzeugung von Idealen, Zukunft, Philosophie spricht, wie er voller Selbstbewußtsein „wir“ sagt und sich auf die „anderen“, für deren Wortführer er sich hält, beruft –, um ihn als meinen Feind anzusehen. Ich erkenne in ihm den verfehlten Tyrannen, den verhinderten Henker – nicht minder hassenswert als Tyrannen und Henker von Format. Denn jeder Glaube übt eine Art Terror aus, und dieser Terror ist umso gefährlicher, als „Idealisten“ ihn in die Wege leiten. Man hegt Mißtrauen gegen den Schlaukopf, den Spitzbuben, den Possenreißer –, und dennoch kann ihnen keine einzige der großen Konvulsionen der Geschichte zur Last gelegt werden. Sie glauben an nichts und stöbern daher nicht in unserem Herzen, wühlen nicht in unseren verborgensten Gedanken; sie überlassen uns unserer Nachlässigkeit, unserer Verzweiflung, unserem nutzlosen Sein. Die Menschheit verdankt ihnen die seltenen Augenblicke wahren Gedeihens: immer wieder waren sie die Retter der von Fanatikern gequälten und von „Idealisten“ zugrunde gerichteten Völker. Doktrinen sind nicht ihre Sache, sie haben nur Launen und Neigungen, anpassungsfähige Laster – tausendmal erträglicher als die vom prinzipientreuen Despotismus angerichteten Verheerungen. Denn alles Übel des Lebens entspringt einer „Lebensanschauung“. Ein vollendeter Politiker täte gut daran, die Sophisten der Antike zu studieren und sich Unterricht erteilen zu lassen in Gesang … und Korruption.
Der Fanatiker nämlich ist unbestechlich: er tötet um einer Idee willen, aber ebenso gern erleidet er um ihretwillen auch den Tod; in beiden Fällen, ob Tyrann oder Märtyrer, ist er ein Ungeheuer. Kein Mensch ist so gefährlich wie derjenige, der für seinen Glauben gelitten hat: die großen Menschheitsverfolger gehen aus den Reihen der nicht geköpften Märtyrer hervor. Machthunger wird durch Leiden nicht gestillt, sondern gesteigert. Der Geist fühlt sich deshalb in der Gesellschaft eines Prahlers wohler als in der eines Glaubenshelden, und nichts widert ihn so an wie der Anblick desjenigen, der um einer Idee willen den Tod erleidet. Er hat es satt, all dem Erhabenen und all den Blutbädern zuzusehen; er träumt von der Langenweile in kosmischen Maßstab, von einer Geschichte, die dermaßen stagniert, daß der leiseste Zweifel sich bereits als Ereignis, die leiseste Hoffnung sich als schweres Mißgeschick von ihr abzeichnet.“
E. M. Cioran, Lehre vom Zerfall [1947]
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