Heute stand ich in einem Raum im zweiten Stock eines Backsteingebäudes und sprach nicht zu Menschen, sondern in eine Kamera. Die, zu denen ich auf diese Weise sprach und zugleich nicht sprach, erschienen auf dem Bildschirm. Für manche ist das normal, für mich etwas Besonderes. Es macht mich zum Schauspieler, scheu lächle ich in das Gerät, fragend vielleicht.
Ich erinnere mich der Zeiten, als die ersten Skype-Telephonate geführt wurden. Jemand aus Kreuzberg (Gruß an Henry) sprach auf diese Weise mit seiner Freundin, die ein Studienaustauschprogramm nach Mexiko City expediert hatte. Großer Gott, betete es in mir, das ist ja schrecklich. Sich derart unerreichbar zu sein und dann auf diese Weise doch irgendwie (das wäre zu beschreiben) berührbar zu scheinen – ist das nicht Betrug, Sinnentrug, Folter. Lieber eine ganze Wahrheit als eine halbe Lüge. (Manche verlieben sich in Filmschauspieler.)
Später versuchte ich es selbst. In der Not frißt der Teufel Fliegen. Skypen hieß das bald schon. Eine Form des Fliegens, nur daß man sitzen bleibt und in ein Gesicht spricht, das lächelt, obwohl es schlimm ist, sich so fern zu sein und doch zu sehen, unfaßbar nah. Geschmackssache. Aber viel wichtiger ist: als ich heute im Raum stand und zu Menschen sprach, die nicht im selben Raum saßen, sondern daheim in ihren Zimmern und an ihren Schreibtischen –
da begann es zu schneien. Ein schöner Flockenwirbel war das, mein erster Schnee in diesem Jahr, Ende März. Nein, der bleibt nicht liegen, der tanzt im Wind, und ich habe nicht die Wahrheit gesagt, als ich sagte, der Wind sei fort. Ich dachte aber, er sei es. Diese kleinen unzeitgemäßen Schneeflocken haben mich gerettet, könnte man sagen (etwas pathetisch).
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