In mir druckst es seit ein paar Tagen herum, und vorhin druckste es wieder – als wir nämlich sprachen, auf Abstand, im Park, über die Maßnahmen gegen die Ansteckungsgefahren durch das Virus, die in Aussicht gestellten Lockerungsmaßnahmen, die weiteren Maßnahmen nach einer Lockerung, lauter Maßnahmen.
Ich wollte etwas sagen über die Einstellung zum Tod, und daß in ihr auch die Einstellung zum Leben sichtbar wird. In einer bürgerlichen Gesellschaft wird vieles, wenn nicht alles in Richtung Sicherheit streben. Sicherheit ist Risikoberechnung und -minimierung. Wir erleben das derzeit und können später einmal als Vortragsredner zu diesem Thema gebucht werden. Das statistische Leben zählt, ansonsten gilt und darf gelten: Nichts Genaues weiß man nicht.
Ich selbst möchte nicht um jeden Preis leben; ich möchte sterben lernen, wenn es soweit ist. Mag sein, daß mich Angehörige und Freunde vermissen werden und alles täten, um mich bei sich zu halten. Aber ich möchte wirklich leben und nicht nur halb oder viertel, und auch richtig sterben, nicht nur halb oder viertel. Das druckst in mir herum, denn ich unterstelle, daß in einer Kultur, in der man nicht zu sterben versteht, es auch dem Leben schlecht geht. Da aber nahezu jeder solche Sätze ins Mißverstehen wendet, ins Häßliche und Unmenschliche, würge ich daran herum.
Statistisch sollen wir den Tod besiegen, im nationalen und internationalen Vergleich, die ohnehin hohe „Lebenserwartung“ noch steigern. Grenzausweitung nach vorn und nach hinten, wir können das. Und da wir es können, geschieht es. Was nur daran stinkt bis zum Himmel – sind es die Machbarkeitsphantasien, ist es die Hybris?
Ich weiß es nicht, aber in mir ist etwas verletzt dieser Tage, es mögen die Maßstäbe sein, die Verhältnismäßigkeit der Mittel, mein Gespür auch für das, was ich ein würdevolles Verhalten gegenüber dem Tod nennen würde. Ja, es geht hier um das richtige Maß. Darf man das Leben unterbinden, um Leben zu erhalten?
Es geht hier nicht um Jung und Alt, sondern um unsere Einstellung zu Leben und Tod. Ich denke, das ist meine bescheidene These. Sie ist bescheiden und wenig originell. Ich habe Respekt vor dem Funktionieren der bürgerlichen Ordnung, aber ich schlucke und würge daran herum und bin mir nicht sicher, ob in ihr die Menschlichkeit wirklich geborgen ist. Erhebliches spricht dagegen.
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