Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. – Goyas Radierung ist bekannt, der Titel gibt zu denken. El sueño de la razón produce monstruos. „Schlaf“ könnte auch „Traum“ heißen, „gebiert“ ersetzt werden durch „erschafft“. Entweder also schläft die Vernunft und verschläft das ihr aufgetragene Wächteramt – derart, daß Ungeheuer raumgreifend wirksam werden können. Oder die reglementierende und aussondernde Vernunft selbst erst sorgt dafür, daß sogenannte Ungeheuer identifiziert werden können. Ohne Regeln gibt es keinen Regelverstoß. (Wer also verfaßt die Regeln und wozu?) Beide Lesarten haben etwas für sich, die letztgenannte empfinde ich als interessanter, d.h. lebendiger, wirksamer, angreifender. Mit der Allerweltsweisheit, daß die Mäuse auf dem Tisch tanzen, wenn die Katze außer Haus ist, möchte man niemanden behelligen. Vielmehr damit, daß die Alleinherrschaft der Vernunft dafür sorgt, daß ihr entzogene Bereiche als Unvernunft gekennzeichnet und gebrandmarkt sind. Vernunft als Gottheit tendiert dazu, grausam zu sein und auszumerzen. Soll Goya das damals bereits gewußt haben?
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