Depression klingt – negativ, klinisch. Ein Befund, ein Leiden, ein Hauptproblem. Mir geht es nicht gut, ich kann mich nicht motivieren. Oder schlimmer noch: ich möchte morgens nicht mehr aufstehen; ich bekomme Panikattacken; am liebsten wäre ich doch tot. Verallgemeinerungen: Das Leben ergibt keinen Sinn. Alles so sinnlos. Keine Freude mehr, nichts bewegt sich, alles (!) ist tot – es fühlt sich nicht nur so an. Ja doch, metaphorisch tot. Aber tot ist tot, wenn man depressiv ist. Manche gehen nicht mehr vor die Tür oder schließen sich ein. Denken und Fühlen werden zäh und mengen sich zu einem einzigen richtungslosen Schmerz. Ausweglosigkeit und würgende Angst.
So wurde es mir berichtet, ich selbst kenne Einzelheiten aus diesem Potpourri – und möchte demgegenüber die Traurigkeit und das Gefühl der Niedergeschlagenheit verteidigen. Denn es finden Verwechslungen und falsche Zuschreibungen statt. Dazu gibt es die Studie von Charlotte Jurk: Der niedergeschlagene Mensch. Depression. Eine sozialwissenschaftliche Studie zu Geschichte und gesellschaftlicher Bedeutung einer Diagnose. Sie verdeutlicht, daß der aktuelle wissenschaftliche Terminus „Depression“ nicht unschuldig ist, sondern Vergangenheit hat, Denkmuster abbildet und auch Interessen bedient. Es fand über die vergangenen hundertdreißig Jahre eine Art „Ausweitung der Kampfzone“ statt, und der Feind, die Depression, befindet sich mittlerweile auch dort, wo man einstmals traurig war, melancholisch oder aus einem tiefen Schmerz nur schwer noch fand.
Ich selbst meinte in der Vergangenheit des öfteren mein Wesen verteidigen zu müssen. Ich empfand, ein Beispiel, die Lieder Leonard Cohens zwar als dunkel, aber nicht als „depressiv“. Das Dunkel zog mich an, Künstler interessierten mich, wenn sie sich dorthin wagten, wo andere haltmachen. Der Gute-Laune-Zwang, der in der zweiten Hälfte der achtziger Jahren aufkam, ging mir gehörig auf die Nerven. Plötzlich waren sie „gut drauf“ – wer auch immer und weshalb. Bald gab es Kurse und Produkte, die sogenannten Esoteriker machten volle Kanne mit. Vorher „durfte man noch“ – vereinfacht gesagt – behaupten, die Welt sei schlecht eingerichtet und „die Verhältnisse“ machten einen kaputt. (Daß „die Gesellschaft“ Ursache allen Leids sei, war in den Siebzigern zum Allgemeinplatz verkommen.)
Seit jener Zeit sind Welle für Welle über uns gegangen, die uns damit durchtränken und einnässen, daß wir selbst unser Glück in der Hand oder im Kopf haben. Die „Privatisierung des Unglücks“ ist vollzogen, und schuldig stehen wir da, wenn uns das Glück mal wieder davongelaufen ist oder wir traurig wurden, wo andere sich kräftig zu amüsieren schienen. Bin ich noch richtig? Seit den Neuzigern schlägt sich beginnende Generation für Generation auf die Schenkel, ungeachtet der Weltlage und der Lebensproblematik, deren Ausdruck dieses Amüsiertsein ist nebst Ironie und War-nur-Spaß und Sorry. Daß das Leben und menschliches Existieren in Würde und Verantwortung anstrengend, belastend und manchmal niederschmetternd sind, wird seitdem zwar noch gewußt, aber nur selten gesagt.
Ist nur das Gesagte ein Anerkanntes? Worüber wird geschwiegen in dieser Selbstoptimierungsturnanlage? Daß wir eigentlich nichts wert sind, es sei denn, wir schaffen an – ist es das? Daß der Lebensstil, den wir führen müssen, wollen oder können, dazu führt, daß plattgemacht wird, einschließlich unserer selbst? – Jetzt sollen uns Virus und Quarantäne-Erfahrung bessern. Von mir aus gern. – Es ist ein Schmerz in der Welt, den wir nicht hinausbekommen werden. Er gehört zu uns, sogar unabhängig von gesellschaftlichen und sozialökonomischen Verhältnissen. Ich gehe davon aus, daß ich meinen Schmerz benötige und auch die Traurigkeit, die sich treu an ihn hängt. Ich werde meine Freude nicht gegen ihn ausspielen lassen.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.