Aus dem Zusammenhang 124

„In der Bundesrepublik, die ich nun am besten kenne, vielleicht, findet Geschichte ja nur statt als Kapitalbewegung. Die ist unsichtbar für den Normalbürger, und die Bewegung dieses Kapitals wird irgendwo an den Rändern, an der Peripherie sichtbar – aber nicht in der Bundesrepublik. Da ist es so wie eine Rheumadecke über der Geschichte, und die anderen frieren. Aber die Rheumadecke reicht aus, um den Leuten das Gefühl zu geben: es ist alles gut. Und es soll nur so bleiben, wie es ist. Und das ist doch eigentlich der Hauptimpuls hier, das was die Leute bewegt. Es soll nur nichts sich bewegen, es soll so bleiben, wie es ist. Und deswegen ist es auch so langweilig hier. In der Bundesrepublik zu leben – ich könnte es mir nicht vorstellen, ich würde mich zu Tode langweilen, glaube ich.

Das ist jetzt eine Abschweifung, aber … ich war vor ein paar Jahren zum ersten Mal in Oberbayern, am Chiemsee und in der Gegend. Und das war so grausig, das waren lauter Ansichtskarten. Jedes Haus ist eine Ansichtskarte, und auch die Alpenseen sehen aus wie gefakt. Ab und zu ein paar kaputte Bäume – da freut man sich schon, wenn irgendwas kaputt ist. Und da kann man sich eigentlich nur noch eine Katastrophe vorstellen oder wünschen. Irgendwie geht das nicht weiter, das ist so sauber und so fertig und so gesättigt. Da entsteht ein ungeheures Gewalt- und Katastrophenbedürfnis.“

Heiner Müller auf die Frage: Warum sind Sie in der DDR geblieben. Autoren erzählen: Heiner Müller (1985-1990)


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