Zeit ist ein Gebilde, das mich nicht sonderlich interessiert. Kürzlich stand ich in einem Antiquariat vor einem Drehständer für günstig zu verkaufende Bücher und entdeckte den Serie-Piper-Band über Die Zeit, und wie vor dreißig oder fünfundzwanzig Jahren entschied ich mich, das Buch nicht zu kaufen. Hellbraunes Taschenbuch mit Abbildung einer gezeichneten Sanduhr auf dem Titel. — Als ich hierher kam, nach Berlin nämlich, lebte ich in Zeitlosigkeit. Ich saß im Asphaltgarten unter einem Nadelbaum und schrieb. Wir waren die Bohème, lebten von Luft und Liebe und Streit und ergaunertem Zeug. Die Sommer waren warm und intensiv. Manchmal rückten wir aus und verunsicherten die überraschungsbereiten Straßen und Stätten. Es fühlte sich gut an, zu leben; aber die Geldnot verließ uns nicht. Ich war nicht leichtfertig, ich war nicht sorglos. Dauernd drückte der Schuh. Aber über „die Zeit“ dachte ich nicht nach, oder wenn ich an sie dachte, nur positiv. TIME IS ON MY SIDE stand auf dem Helm eines Vietnam-GI in Michael Herrs Dispatches. Ich war nicht gern sechzehn, als ich sechzehn war. Als ich vierzig wurde, kratzte mich das nicht. Fünfzig zu werden empfand ich als meine Beerdigung. Seitdem geht es mir wieder gut. In welchem Alter starb Nietzsche? Längst zuvor gingen seine Lichter aus. Mit den Zahlen darf man nicht zu zimperlich sein. Trinkgeld geben.
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