Sich sehen, aber nicht anfassen, Plexiglas

„ONLINE IST ABSTAND HALTEN NOCH EINFACHER.“ Plakatwerbung von DocMorris, der niederländischen Versandhausapotheke, mittlerweile verkauft an die Schweizer Zur Rose Group. Grünes Plakat, grün wie das Leben, das Laub und die Lüge. Ich sehe dieses Plakat morgens von dem Bahnsteig aus, auf dem ich warte, daß ein Zug fährt nach Südwesten in Berlin. Abstand halten zu können nach menschlichem Maß ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Sich nicht oder nie mehr berühren zu dürfen ist eine Alptraumvision, die, würde sie Wirklichkeit, binnen kürzester Zeit einen instabilen Mischzustand von Verwahrlosung und Bedürftigkeit schüfe, den sich auszumalen leicht fällt. Da aber Transparenz ein Leitmotiv jüngerer Zeitgeschichte ist, schlage ich vor, die Staats- oder Gebietsgrenzen, die einer ein- und auschließenden, demnach trennenden Mauer bedürfen, aus Plexiglas zu errichten. So können sich die Menschen beidseits der von oben oder von sonstwem gewollten Trennlinie sehen und winken. Wäre das nicht eine menschlichere Grenze und erfüllte sie nicht alle Ideale des Abstandhaltens und der gebotenen Distanz unter gleichzeitiger Vorspiegelung von Nähe und Vertrautheit. Wir leben immerhin im 21. Jahrhundert.


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