„Sind unsere Organismen, von moderner Medizin beflügelt, im Vergleich eigentlich recht gut gerüstet, erweist die Corona-Pandemie die Gesellschaften unserer Zeit als erstaunlich anfällig. Die Gründe dafür sind wohl vielschichtig. Da ist die mediale Vernetztheit und die neue Macht sozialer Netzwerke; da ist das im Vergleich zu anderen Epochen und Kulturen extrem angewachsene Sicherheitsbedürfnis; da sind die ausgetüftelten epidemiologischen Massnahmen, die Menschen bereits isolieren und damit tendenziell in einen Zustand grosser Angst und Sinnlosigkeit bringen, wo ältere Kulturen kaum reagiert hätten. Und da ist die extreme Relevanz, die man der Pandemie zuschreibt. Auch hierzu ein Vergleich: Die Spanische Grippe, die mehr Todesopfer forderte als der Erste Weltkrieg, wurde von den Zeitgenossen kaum für ähnlich wichtig gehalten; vor den Corona geschuldeten Rückblicken der letzten Monate war sie aus dem kollektiven Gedächtnis fast verschwunden. Die gegenwärtige Angst- Ohnmachts- und Sinnlosigkeitserfahrung scheint im Vergleich übermässig, und sie beschert uns Bewegungen, die darauf äusserst empfindlich mit Erregung, Empörung und Ablehnung der gesellschaftlichen Autoritäten reagieren.“
Jan Söffner, Neue Zürcher Zeitung v. 26.11.2020
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