Nach nun einer Stunde und acht Minuten von Die andere Heimat verstehe ich, was Reitz dort vorführt. Eine Schuld- und Unschuldsgeschichte der Region und ihrer Bewohner, sortiert und exemplarisch, typographisch auch. Jede und jeder dort steht für irgendwas – und muß das tun in Hinsicht auf die Lebensproblematik von Edgar Reitz und seiner Generation. Alle stehen stramm und zeigen her, was sie angeblich dachten und fühlten und taten. Sie tanzen auf zum didaktischen Programm des Filmvorführers, der dafür bekannt ist, daß er differenziert. (Leben wie im Freilichtmuseum, schwarzweiß gefilmt für die Authentizität – welche soll das sein, eine filmhistorisch-technische?) Ich habe bereits an den Filmen Rainer Werner Fassbinders gelernt – dieses Prototypische der Figuren, die unaufhörlich verkörpern müssen, bei ihm irgendeine häßliche Wahrheit über Menschen. Deshalb bekomme ich keine Luft mehr. Reitz will es anders, aber auch er bestätigt die Falle des Geschichtlichen, hängt in ihr im Wahn, sich aus ihr lsen zu können oder bereits gelöst zu haben. Wer vorführt, meint verstanden zu haben. Die andere Heimat beschäftigt sich mit den Auswanderern aus dem Hunsrück, die es nach Brasilien zieht. Vormärz, Demokratiebestrebungen, Obrigkeit. Geschichtsunterricht.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.