Ideologische Menschen haben es schwer mit der Wirklichkeit. Sie mögen sehen, aber sie erkennen nicht. Wären sie ein Smartphone, ginge man zu „Einstellungen“ und deaktivierte „Bewertungen übernehmen“. Wessen Bewertungen? Die der Vorfahren und des bisherigen Gebrauchs – das schnitte tief in die Identität.
Die Bedeutung eines Wortes ergibt sich aus seinem Gebrauch, lautet eine verbreitete und pragmatische Auffassung in Linguistik und Sprachphilosophie. Etwas Ideologisches oder Wahrheitssuchendes in mir widerstrebt dem. Wörter haben nicht nur Tausch-, sondern auch Erkenntniswert.
Auch mißbehagt mir Beliebigkeit. Ich mag mich für etwas Bestimmtes entscheiden – und damit notwendigerweise „gegen“ anderes. Kann ich mich nicht entscheiden, lasse ich die Sache offen. Die meisten Sachen lasse ich offen. Entscheidungen brauchen ihre eigene Zeit. Sie sind wie alles, was lebt und wächst.
Gibt es unideologische Menschen – Leute ohne Weltanschauung oder Wirklichkeitsauffassung? Ich kann sie mir nicht vorstellen. Dazu sind die Voreinstellungen zu einschneidend und stark. Jeder Widerstand bezieht sich auf das, was ihn hervorgerufen hat und ohne das er nicht wäre. Feindschaft und Krieg beruhen auf negativer Partnerschaft.
Ohne Wertvorstellungen scheinen wir hier (auf Erden) nicht durchzukommen. Wir wählen und verwerfen tagtäglich. Da das Greinen nicht hilft, werde ich mich dazu bekennen.
Es allen recht machen zu wollen funktioniert nicht gut. Man macht sich damit gefügig und gefällig, und das aus einer Kinderangst heraus: die vor dem Abgelehntwerden. Ich verstehe sie sehr gut, sie begleitet mich von Anfang an. Ein Gefühl von Verlorenheit oder der Angst davor, ganz und gar verloren zu sein.
Etwas zwar zu sehen, aber nicht erkennen zu können, kann auch vorteilhaft sein. Erkennen ist wiedererkennen, setzt Bekanntes oder Ähnliches voraus. Sehen in diesem anderen Sinn hieße, frei von solchen Festlegungen zu sein und gleichsam wie zum ersten Mal zu sehen – diesseits aller Raster und unbelastet. Die Sache läßt sich also drehen.
Über die Worte kommt man wohl nicht zur Wahrheit. Mit ihnen aber vielleicht ein Stückchen näher, wer weiß. Am Ende werden wir sie abstreifen dürfen wie ein Kleid.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.