Nie zuvor habe ich die Stadt so ruhig erlebt. Das Datum täuscht, diese Zeilen gehören noch zum 23. Dezember. Die Nacht folgt dem Tag, nach meiner Auffassung. Nur wenn es geschneit hat, war sie bisher ähnlich ruhig. Das Pflaster glänzt nach dem Regen. Die Ampelanlagen mit ihrem Rot-gelb-grün sind überflüssig, niemand ist unterwegs. Was innerhalb der Wohnungen und Häuser geschieht, wissen nur die Insassen. Ich lief heute an einer Seniorenwohnanlage vorbei, die sich Domicil nennt. Sofort stellte ich mir vor, ich sei dort, sagen wir: zwanzig bis dreißig Jahre später, untergebracht. Was könnte ich meinen Tischgenossen sagen, morgens am reichhaltigen Frühstücksbuffet? Wie könnte ich etwas sagen, das nicht unsere Würde verletzt. Schon jetzt tue ich mich damit schwer. Man soll ja Erwünschtes und Höfliches von sich geben, Bestätigendes und Aufbauendes, durch und durch Positives. Nur daß ich an die Wunderwirkung solcher Präparate nicht glauben kann. Mit der Sprache bekommen wir die Wirklichkeit nicht aus der Sichtweite. Seniorenresidenz … Was sind das für Worte? Und dann das c in Domizil, das macht es heimeliger und teurer dort. Es gibt aber auch Doppelzimmer, wenn man nicht so viel gespart hat. Vielleicht ist der Mitbewohner jemand, mit dem man lachen oder weinen kann. Wenn die Pfleger und sonstigen Angestellten in Ordnung sind, rufen sie nicht gleich nach Verstärkung. All die Alten auf einem Haufen konzentriert – wer hört sich das an, was einmal war? Wer hebt den Schatz? Nur die Enkelkinder können das. Die Erwachsenen sind viel zu busy und zudem noch ängstlich, sagen dauernd sorry, wenn sie sich verpissen müssen in ihren üblichen Streß.
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