Nietzsche mit Klunkern im Arm, walroßbärtig, aufgedunsen und ruhend wie ein fetter Buddha, Samtkissen unter dem Hintern, selbstgefällig oder bereits tot (ausgestopft), starrt geradeaus wie ein Feldherr vor der Schlacht, nur daß der Feind sich nicht mehr zeigt. Nietzsche als Dekorationsstück, als Zufallsbekanntschaft. Ich habe ihm zu Weihnachten falschen Schmuck in die über der Brust verschränkten Arme gelegt. Er ist auch nicht Nietzsche, sondern Gipsfigur, Geschöpf eines Augenblicks gestalterischer Willkür. Aber eindeutig Nietzsche. Nach dem Zusammenbruch, nach seinem geistigen Tod (1888) im Dreikaiserjahr. Ihm kann keiner mehr was anhaben. Die Bücher sind geschrieben, der Nachlaß ist gerettet, für Ruhm ist nicht zu sorgen. In seinem Versuch über Arthur Rimbaud wies Henry Miller darauf hin, daß es im 19. Jahrhundert unheimlich wird und seltsame und fragwürdige Figuren die Szenerie betreten: nach dem Marquis de Sade (1740-1814) William Blake (1757-1827), E.T.A. Hoffmann (1776-1822), Edgar Allan Poe (1809-1849), Charles Baudelaire (1821-1867), Friedrich Nietzsche (1844-1900), Lautréamont (1846-1870) sowie Arthur Rimbaud (1854-1891). (Hoffmann und Isidore Lucien Ducasse (den Comte des Lautréamont) habe ich hinzugefügt.) Da war auch viel Geprotze hinter der Angst, denn die Welt, die wir nicht mehr gekittet bekommen, bekam damals ihre Risse, und unsere schmucken und kaputten Antibürger verhandelten ihr knappes Vermögen gegen die anrollende Flut aus Ungewißheit. Angstgetrieben scheinen auch wir, mehr als hundert oder zweihundert Jahre später. Technisch versiert, existentiell schwach beraten. Gewappnet mit Wissenschaft und Statistik. Aus der Wahrscheinlichkeit errechnet sich jetzt jeder sein Schicksal und versucht sein Bestes. Der Tod ist ohne Würde, ein Mißgeschick nur, Zufallsprodukt. Das wußten die genannten Autoren schon, wir stricken etwas nach. Nietzsche schläft mit offenen Augen. Ich könnte ihn photographieren, traue mich nicht.
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