Bei gewissen Gelegenheiten treten Charaktere nach vorn, die sich in Strenge gefallen. Sie erheben Forderungen nach mehr Kontrollgewalt und einschneidenderen Maßnahmen, nach strikten Grenzen und harter Sanktionierung der Überschreitungen. Daß sie während der Corona-Pandemie erscheinen, ist nicht weiter verwunderlich. Auch sonst trifft man sie dort an, wo Gremien oder Instanzen über das Verhalten untergebener oder zu betreuender Personen entscheiden oder richten. Lehranstalten, Kindertagesstätten, Altenheime, Militär, Krankenhaus, Sportvereine, Orchester, Elternhaus etc. Es sind die Vorsichtigen und Ängstlichen, die Unsicheren und Mißtrauischen der Gesellschaft, die Kontrolle beanspruchen und benötigen. Den Menschen „draußen im Land“, dir und mir und sich selbst, trauen sie wenig zu. Sie verordnen uns und sich ein Korsett aus Pflichten und Regeln, aus Halteseilen und Sicherheitszäunen, Tagesordnungspunkten und To-do-Listen, Hinweisschildern und Vertragsklauseln. Als hochaktive Pessimisten, die immer schon das Schlimmste befürchten, möchten sie gewappnet sein. Ihr absoluter Überlebenseifer ließe sie Bunker bauen, wenn dies erfolgversprechend schiene. Daß Menschen ihr Leben und das anderer riskieren, ist ihnen rätselhaft. Ihre Existenzangst läßt sie im Unverstand darüber, daß anderen ein Leben nichts wert ist, in dem es bloß noch ums Überleben geht.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.